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Edwin Erich Dwinger: Zwischen Weiß und Rot

Edwin Erich Dwinger: Zwischen Weiß und Rot 

In einem originellen Vorwort zu Eugen Sues fesselndem Kolportageroman „Die Geheimnisse von Paris“ merkt Victor Klemperer ironisch an, in gebildeter Gesellschaft spreche man nicht von Sue. Das sei so, als nehme man beim Essen das Messer in den Mund. Nun, dergleichen wird heute verziehen, wenn es überhaupt noch bemerkt wird; in Promi-Kreisen gilt selbst ein lauter Furz als Schelmerei. Anstoß erregen kann man allenfalls, wenn man „Autobahn“ oder „Negerkuß“ sagt.

Anläßlich einer Umfrage „über die deutschen Bücher, die voraussichtlich ihre Zeit überdauern werden“, führte Johannes R. Becher 1947 neben  den gängigen Manns, Feuchtwangers, A. Zweigs und Seghers’ und längst vergessenen wie Abuschs „Irrweg einer Nation“ und Regers „Union der festen Hand“ einen Titel auf, bei dem man an ein Versehen glaubt, Dwingers „Zwischen Weiß und Rot“.[1] Der Stalin-Sänger und kommunistische Kulturfunktionär Becher empfiehlt Dwinger! Aber der ist doch total Autobahn! Der ist mit kommunistischer Glaubensseligkeit durch das Paradies aller Werktätigen gereist (allerdings abseits der für Gäste vorgesehenen stalinschen Dörfer), um dann fluchtartig nach Deutschland zurückzukehren: „Verhaften Sie mich! […] Ich war Kommunist.“ So schließt sein Bericht über die organisierte Hungersnot in Sowjetrußland, das Getreide exportierte, um Rüstungsgüter zu kaufen. „Am Ende ihrer Tage aber werden die braven Russen verhungert auf ihren mächtigen Kanonen kauern“, heißt es prophetisch in diesem Buch „Und Gott schweigt …?“[2]

Eben von diesem Dwinger empfiehlt der Kommunist Johannes R. Becher ein Buch, und er steht damit unter seinen Gesinnungsgenossen keineswegs allein da. Helmut Müssener hat in einem Aufsatz das komplizierte Verhältnis zwischen Dwinger und Becher analysiert und konstatiert, „daß auch von kommunistischer Seite Dwingers erste Bücher ernstgenommen, aber falsch verstanden wurden“[3]. Müssener versteht sie nun natürlich richtig, verurteilt den „Antibolschewismus“ und die „verhängnisvolle Stellung“ des Begriffes Heimat sowie die „Klischees und Vorurteile“ in bezug auf Sozialismus und die Sowjetunion. So ist es eben: Andersdenkende haben Vorurteile, man selbst hat Urteile, und so schließt er sich begeistert Bechers Verurteilung von Objektivität in der literarischen Arbeit an. Man stehe schließlich „auf der einzig richtigen Seite“. – Nun, ein Jahrzehnt später gab es diese richtige Seite nicht mehr, die Russen saßen arm auf ihren Kanonen, und die Müssener träumen und propagieren weiter ihren Traum vom endlich wahren Sozialismus.

Sprache ist verräterisch: Müssener empört sich über die hohen Auflagen und die Übersetzungen von Dwingers Büchern auch nach 1945 und spricht wiederum von „Klischees und Vorurteile[n]“, dann aber unterläuft ihm eine Freudsche Fehlleistung, wenn er fortfährt: „die bis heute ihre Gültigkeit behalten haben“[4]. Gültige Vorurteile aber sind Urteile. Die kann man sich im Falle Dwinger erwerben, wenn man seine Bücher liest, z. B. „Zwischen Weiß und Rot“. Müssener konstatiert Dwingers „Aktualität“, nennt sie aber „erschreckend“, eine Fehlleistung ähnlicher Art, denn sie verrät ja, daß Dwingers Anklagen gegen den Kommunismus nach wie vor Gültigkeit haben. Diese sind, wie Müssener bitter vermerkt, inzwischen „nun nicht mehr getarnt“.

Zwanzig Jahre nach der Becher-Empfehlung hat das DDR-Schriftstellerlexikon beim Namen Dwinger Schaum vor dem Mund: Dieser sei der „Prototyp des chauvinistischen, faschistischen und antisowjetischen Schriftstellers“, „kriegsverherrlichend“, „reaktionär[…], kriegs- und revanchelüstern“, „Glorifizierung des Krieges“, „Rassenhetze“ und so das ganze Vokabular aus dem Taschenbuch des Agitators. Sein „literarisches“ (Anführungszeichen im Original) Schaffen bestehe aus „Machwerken“.[5] Bemerkenswert immerhin, daß das hier besprochene „Machwerk“ auch in der Sowjetunion erscheinen konnte.

Da wollen die BRD-Kollegen nicht nachstehen, und Walter Schiffels konstatiert, daß „die Darstellung der Kriegserlebnisse zur Propagierung heroischer Werte“ diene[6]. Man ist fassungslos: Wenn diese Kriegschronik irgendeine Botschaft hat, dann die: „Die einzige Idee, die uns hier helfen kann, ist die, daß die Leiden des Bürgerkrieges sich nicht wiederholen dürfen. Daß wir, wie auch dieses ganze Volk, es gleichsam leiden mußten, damit die anderen aus der Erkenntnis seiner Furchtbarkeit dafür sorgen, daß so etwas auf der Erde nicht noch ein zweites Mal geschehen kann.“[7] Wer dieses Buch gelesen hat, dessen Bedarf nach Heldentum ist für’s erste gedeckt. Nichts an diesem Graus ist heroisch, wenn man nicht Leiden und Erdulden und Schmerz als heldisch bezeichnen will; und nur ein winzig heroisches Licht flackert ganz im fernen Dunkel auf: der Name Elsa Brandströms, die sich unter unsäglichen Bedingungen für die gedemütigten, geprügelten, gefolterten und sterbenden deutschen Kriegsgefangenen eingesetzt hat. Noch sind in der BRD einige Straßen und Schulen nach ihr benannt.

Aber alles andere in diesem Buch ist Vernichtung, Untergang, Verzweiflung. Der Ich-Erzähler, wegen seiner Jugend Benjamin genannt, flieht aus dem russischen Gefangenenlager und hat nach seiner Verhaftung nur die Wahl zwischen Tod oder Kampf an der Seite der Weißen. Er entscheidet sich für das zweite und erlebt so den Untergang der Koltschak-Armee, den Rückzug, die Flucht durch Rußland und Sibirien bis hin zum Baikalsee, immer verfolgt von den Roten, immer hungernd, frierend, krank (der gefürchtete Flecktyphus rafft seine Kameraden zu Tausenden hin). Desertion wird alltäglich. Die Alliierten lassen ihre weißen Verbündeten im Stich und sind nur an Konzessionen für die Schätze des Landes interessiert. Der weiße Terror wird gründlich und grausam geschildert, auch der rote – aber bald gibt es da einen Unterschied: Der rote wendet sich nicht mehr gegen die Bauern, denen nicht mehr alles genommen wird, anders als bei den Weißen. Und so benennt der Erzähler die Gründe für den Sieg der Roten: „Sie trugen nicht Geld noch Gut auf ihren Bannern, nicht Privilegien noch Konzessionen, sondern das Menschenrecht!“[8] (Erst nach dem Sieg der Bolschewiken setzt dann der Terror gegen die Bauern ein, etwa in der organisierten Hungersnot in der Ukraine, die Dwinger im bereits erwähnten Bericht „Und Gott schweigt …!“ erschütternd schildert.)

„… dieser Krieg ist kein Krieg mehr, ist eine Mörderei in Massen, ist eine sadistische Orgie, ein Rückfall in Urzeiten. […] Wen trifft die Schuld mit ihrer ganzen Wucht?“[9]

Den wenigen Idealisten unter den Weißen gelingen bittere Erkenntnisse: „Unsere Minister sind bestechlich, unsere Generäle verschwenderisch, unsere Bürger gleichgültig.“[10]

Das Scheitern des Kommunismus wird vorausgesehen: „… wenn […] der Staat jeden, ob fleißig oder nicht, versorgen muß, auch den Faulsten nicht an die Luft setzen darf, kann auch der Fleißigste nicht mehr hochkommen – einfach darum nicht, weil er für die Faulen mitarbeiten muß!“ (Wirklich nur kommunistische Eigenart?)

Das Buch überzeugt vor allem durch seine absolute Glaubwürdigkeit, die auf der Chronistenhaltung des Autors beruht (die ersten beiden Bände der Trilogie wurden dann auch unter dem Titel „Sibirisches Tagebuch“ zusammengefaßt). Denn er schreibt täglich auf, was er sieht, notiert die unglaublichen Berichte, skizziert die Leichenberge und den Zustand der Getöteten. So kann man die Bücher, auch wenn einem „die janze Richtung nich paßt“ durchaus auch als historische Dokumente lesen, Dokumente einer historischen Katastrophe, die heute vergessen und verdrängt ist. Wo anders erfährt man etwas über die unheilvolle Rolle der tschechischen Legionen, die nach Kriegsende die deutschen Gefangenen nach Sibirien zurückschickten, über sie ein Terrorregime errichteten, die in von Raubgut fast berstenden Salonwagen durch Sibirien fuhren und die Züge mit Verwundeten, Sterbenden und Toten auf die Abstellgleise drängten. Aber auch sie versucht Dwinger zu verstehen: „Sind wir nur Söldner, wollen wir auch danach leben! wurde ihr Wahlspruch. Dürfen wir nicht in die Heimat, wollen wir uns wenigstens hier mit allem reich machen, was wir erlangen können! Wer wirft den ersten Stein? Wer Landsknechte erzeugt, darf sich nicht wundern, wenn sie landsknechtisch leben …“[11]

Am Baikalsee findet sein Leidensweg ein vorläufiges Ende: Er verwandelt sich wieder in einen deutschen Kriegsgefangenen, der angeblich von den Weißen mit Gewalt mitgeschleppt worden ist. Am Ende gelingt die Flucht nach Deutschland, wo man ihn und seine Leidensgefährten längst vergessen hat.

Fast gegen Schluß liest man in den Aufzeichnungen seines Freundes Ilja: „Ich stand auf der falschen Seite.“[12] Aber auch die andere ist die falsche.

 



[1]  Becher, Johannes R.: Briefe. Berlin und Weimar: Aufbau 1993. Bd I, S. 351f.

[2] Dwinger, Edwin Erich: Und Gott schweigt …? Jena: Eugen Diederichs Verlag 1936. S. 154

[3] Müssener, Helmut: Becher und Dwinger. In: „Kürbiskern“ Heft 2/82, S. 126

[4] Ebd. S. 131

[5] Albrecht, Günter u. a.: Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut 1967. Bd 1, S. 274f.

[6] Schiffels, Walter: Formen historischen Erzählens in den zwanziger Jahren. In: Rothe, Wolfgang (Hg.): Die deutsche Literatur in der Weimarer Republik. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1974.  S. 204

[7] Dwinger, Edwin Erich: Zwischen Weiß und Rot. Jena: Eugen Diederichs Verlag 1943. S. 385

[8] Ebd. S. 383

[9] Ebd. S. 151

[10] Ebd. S. 123

[11] Ebd. S. 324f.

[12] Ebd. S. 473






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