Meine Homepage

Gudrun Pausewang: Der Schlund

Gudrun Pausewang: Der Schlund

 

Was geschieht eigentlich mit jemandem, der öffentlich proklamiert: „Die Welt würde nicht daran zugrunde gehen, wenn die Juden ausstürben“? Richtig, er stünde vor Gericht und säße anschließend im Strafvollzug.

Und wenn er das gleiche über die Türken sagte? Er stünde in der  Hohmannecke der Verfemten.

Und über die Deutschen? Richtig, er bekäme einen Jugendbuchpreis, und das Buch brächte es in die Empfehlungslisten für die Schullektüre.
(Wieviel klüger und weiter war da Jean Paul 200 Jahre vorher: "Es wäre ebenso schlimm für die Erde, wenn es lauter Deutsche, als wenn es keine gäbe, und kein Volk ersetzt das andere.")

Im Mittelpunkt des Buches steht die Familie Lorbach. Sie ist, auf die einzelnen Mitglieder verteilt, schwarz, aidskrank, geistig behindert und natürlich durchgängig links und dagegen. Die eierlegende Wollmilchsau mal auf politisch. Besorgt aber zählt der Gutmensch an den Fingern – fehlt da nicht noch was? Aber da kommt er ja schon, der schwule Untermieter. Dazu dann die Großeltern, der böse Opa und der gute Opa. Der böse ist Nazi, der gute links. Das zieht sich auch durch das ganze Buch: Nichtlinke sind grundsätzlich auch Charakterschweine. – Der böse Großvater, von der eigenen Tochter gemütvoll „Fossil aus Hitlers Zeiten“ genannt, erzählt von seinen Erlebnissen aus der NS-Zeit und wird dafür heftig von der Gutmenschenfamilie attackiert. Nur daß eben Großvaters Bild dieser Zeit auf eigenem Erleben beruht. Das wissen die Nachkommen natürlich besser, schöpfen sie doch ihre Kenntnisse aus Büchern Gudrun Pausewangs. Großvaters Lobpreisung von „Fleiß, Ordnung, Pflichtbewußtsein“ wird vom Schwiegersohn mit dem bekannten Hinweis auf „zweitrangige Tugenden“ abgeschmettert, mit denen man, wie uns einst ein zweitrangiger Politiker (eine Tautologie) belehrte, ein KZ leiten könnte. Nur kann man ohne diese Tugenden eben auch kein Krankenhaus leiten, und, wie sich gezeigt hat, auch kein Ministerium.

Das Buch zeichnet eine Wirtschaftskrise, über deren Ursache nichts verlautet, und die damit zusammenhängende Radikalisierung der Bürger. Auch die Familie Lorbach trifft es: Vaters Bücher gehen schlechter (wenn er so schreibt, wie er im Buch spricht, muß das aber nicht an der Krise liegen), die Weihnachtsdekorationen in der Stadt werden dürftiger, Bettler und Obdachlose sind häufiger zu sehen. Mit der zunehmenden Krise wachsen die Konflikte in der Gesellschaft und auch die Probleme der Familie. Deutlich wird das vor allem an der immer wiederkehrenden Gestaltung der Weihnachtsfeiern der Familie mit den üblichen Besuchen bei den Großeltern. Jirgalem, der aus Äthiopien adoptierte Sohn der Familie, will nicht sein wie sein Cousin Boris, das „schrie er einmal dem Großvater ins Gesicht“. Boris ist unlinks und charakterlos. Insgesamt ist es schon beinahe drollig, wie die nach Weltverbrüderung dürstende Familie nicht einmal in der Lage ist, es auch nur eine Stunde am Weihnachtsabend mit dem eigenen Großvater auszuhalten. Bei dieser Weihnachtsfeier fällt dann auch der anfangs zitierte Satz, den die Aidskranke Corinna „trocken“ sagte. „“Hüten Sie sich vor Schriftstellern, die sich selber loben“, sagte einst mein verehrter Deutschlehrer, solchen also, die da schreiben: „sagte er schlagfertig, witzig, geistreich, sarkastisch“ – Pausewangs Helden sagen meist etwas „trocken“, wie denn auch – vor allem in den penetranten Reden des Vaters – die hohle Phrase, das Klischee, das abgegriffene und farblose Wort herrschen. Und vor allem die gähnende Langeweile, weil man schon nach 20 Seiten weiß, was die Personen sagen werden und wie die Handlung sich entwickeln wird. Die Guten im Buch sprechen eigentlich nur mit anderem Vorzeichen. Wenn die Bösen von der Überlegenheit der Deutschen sprechen, reden sie von der Minderwertigkeit ihres Volkes. „Wenn nicht die Ausländer immer wieder frische Luft in unseren deutschen Mief brächten, wär’s hier nicht auszuhalten.“ Muttis Buchladen muß geschlossen werden, während die Naziliteratur aufblüht. Aber damit will Mutti kein Geld verdienen. „Lieber würde ich mein Lädchen angezündet haben“ – das nennt man dann eigentlich Bücherverbrennung. Und immer schlimmer und schlimmer: Demos, Kriminalität, sinkender Grundwasserspiegel, der Wald stirbt, die Temperaturen steigen, Geburtenraten explodieren, Hungerkatastrophen – was vergessen?

Gesa, die Haupt- und Lichtgestalt des Buches, beobachtet einen Aufmarsch der Deutschen Front (merke: die „Rechten“ machen Aufmärsche, die „Linken“ Demonstrationen). Auf dem Einbandbild ist die schwarzgekleidete Horde zu sehen. Fatal nur, daß sie dem „schwarzen Block“ auf höchst peinliche Weise gleichsieht. Natürlich folgt diesem Block eine „Herde“. Man ruft nach dem Führer. Und ist auch noch gegen Drogen und Pornographie! Ein Putschversuch der Neonazis scheitert noch, vor allem wegen der Artikel des Familienvaters, die wir erfreulicherweise nicht zu lesen bekommen. Die mündlichen Proben reichen allerdings, dem Besucher der DDR-Schule sind sie aus dem Staatsbürgerkundeunterricht bereits geläufig.

Und schon ist wieder Weihnachten. Jirgalem entpuppt sich als Liedermacher (mit wirklich guten Texten!), der Bösopa aber singt ein Lied (von Hans Baumann): „Hohe Nacht der klaren Sterne“, was Gesa natürlich instinktiv ablehnt (da ist auch noch von Müttern die Rede!) Überhaupt entwickelt die Minderjährige einen gar feinen Geruch für subversive Nazitexte, die neue Hymne der Schlottleute „penetrant pathetisch“ findet sie so böse, daß ihr sogar die „dritte Strophe der alten Hymne doch noch lieber“ ist. Eine etwas kryptische Bemerkung angesichts der Tatsache, daß die alte Hymne nur eine Strophe hat. Und Opa will die Arbeitslosen beschäftigen – was den Genossen Lorbach zu der „trockenen“ Bemerkung veranlaßt, mit den Autobahnen sei ihm Hitler zuvorgekommen. Statt dessen will Bösopa eine Mauer um Deutschland bauen. „Nichts dazugelernt seit Fünfundvierzig, nicht aus Schaden klug geworden, nichts bereut“, kommentiert das der Schwiegersohn.

Es gibt ja einen recht zuverlässigen Test für den Wert einer Figur. Man frage sich einfach, ob man mit ihr mal ein Bierchen trinken möchte, und bei dieser Familie fällt einem nur ein: Um Gotteswillen! Dann schon lieber gleich ins Parteilehrjahr. Schon der erste Schluck wäre wohl von dem Hinweis begleitet, daß Millionen von Menschen der Zugang zu sauberem Trinkwasser verwehrt ist – und daß wir daran schuld sind. Gerade angesichts unsrr bsondrn histschen Verntwtng.

Jirgalem, der nicht ganz Schwarze, wird von „rechten Skinheads“ zusammengeschlagen. Zwar mischen sich ältere Schüler ein: „den doch nicht“, er dankt es ihnen jedoch nicht, weil diese Begründung nicht politisch korrekt ist. Er ist Klassenbester. Gesa natürlich auch.

Die Wahlkämpfe werden von Vati in der bekannten Agit-Prop-Prosa kommentiert. Daß er in vielem recht hat macht die Sache eher noch schlimmer. „Er kann doch nur als Warnungsschatten vor den Prinzipien stehen, die das Unglück haben, von ihm vertreten zu werden“, meinte einst Fontane. Die Schlägertrupps des neuen „Führers“, die „Schwarze Garde“, beherrschen die Straßen. Alles wie vor 33. Alles? Wozu benötigt Schlott solche Trupps eigentlich? Es gibt ja doch niemanden zu bekämpfen, denn linke Schlägertrupps wie vor 33 gibt es in diesem Buch nicht, wie denn auch die Linke (womit nicht die z. Z. so heißende Partei gemeint ist) ausgespart wird. Eine Bedrohung aus dieser Richtung gibt es im Buch nicht. Vati schreibt denn auch nur gegen eine rechte Bedrohung. Schlotts Wähler seien eben eine „Herde“, „dummes Stimmvieh, das allen gesunden Menschenverstand, alle Kritikfähigkeit, alle Mitverantwortung fahren lasse – wie gehabt – und hinter dem Rattenfänger herstolpere“. Auch Töchterchen Gesa wird sich ähnlich äußern („Herdentiere“, „zu träge, zu bequem“). Aus dieser Aussage und der gesamten Grundhaltung der Familie spricht die Verachtung der Linksintellektuellen  für das Volk, die „Herdentiere“. Man muß sich vergegenwärtigen, wer solche Urteile fällt: ein Schulmädchen, mit dem Geschichtswissen ihrer 68er Sozialkundelehrer ausgestattet.

Auch Muttis Argumente sind von ähnlicher intellektueller Reife. Auf die Attacken gegen die Pornographie verweist sie auf die Venus von Milo; und man dürfe keine Zensur ausüben

Die Wahlergebnisse sind für die Lorbachs katastrophal – vor allem, weil Vatis Buch wieder einmal zu spät kam. Vor Freude (über beides?) stirbt Bösopa. Man zieht um, was Vati „trocken“ kommentiert.

Die neuen Machthaber ergreifen Maßnahmen, von denen zu befürchten steht, daß ein Teil der jungen Leser sie ganz vernünftig findet: gegen Drogen, Pornographie, Abtreibung, Kriminalität, für Umweltschutz, gegen Schwarzarbeit. „Die breite Masse“ (deren Weisheit man nicht genug rühmen würde, hätte sie die Lorbachs gewählt), läßt alles mit sich machen.

In der Schule kuschen die Lehrer, auch der selbstverständlich linke Gesellschaftskundelehrer, der seinen „Schülern [immer wieder] Filme über Dachau, Sobibor und Auschwitz gezeigt“ hatte (über den Archipel Gulag hatte er wohl keinen) „buckelt“.

Und wieder steht Weihnachten vor der Tür und dem Leser. Aus einem Kaufhaus hört Gesa das schon erwähnte Weihnachtslied „aus der Nazizeit“ (wie die Autobahn!) Man plant die Auswanderung. Arbeitslose werden zur Arbeit herangezogen (Bäume pflanzen, Müll wegräumen …) Und viele finden das gut, was Vati zu dem Ausruf veranlaßt: „Zum Teufel mit diesem Volk, das einfache, schnellgreifende, knallharte Losungen liebt.“ Und dann sorgt das Regime auch noch für stabile Preise. Infam! Auch das unmündige Knäblein Ulf Lorbach, das den Schlottplakaten Hitlerbärtchen angemalt hatte (was sicherlich viele zu Reue und Umkehr bewegt hat), gibt seiner Verachtung des deutschen Volkes („deutscher Mief“) beredten Ausdruck.

Und dann geht es Schlag auf Schlag. Vater muß emigrieren (in die Tschechei), Jirgalem kommt ins UL( so heißen die Lager jetzt – man kann da, von der Autorin natürlich nicht gewollt, auch an GULAG denken) kann fliehen, wird versteckt wie Anne Frank und bringt sich um, die aidskranke Corinna wird in ein entsprechendes „Heim“ verbracht und stirbt dort vor sich hin, Widerstands-Flugblätter druckend; Ausländerheime brennen, die geistig behinderte Rike wird Euthanasieopfer, die Ausländer verschwinden aus der Schule, die Mauer um Deutschland wird gebaut, der schwule Untermieter wird abgeholt (noch ein Jahrzehnt vor Erscheinen dieses Buches galt es als opportun, Nazis als schwul zu diskriminieren) – alles wie gehabt und wie in diesem Buch zu erwarten. Diese Haltung wäre allen Respekt wert, sie ist aber nicht antifaschistisch, sondern antideutsch. Ausländer sind in diesem Buch prinzipiell gut, Deutsche, von den guten Lorbachs abgesehen, böse. „Deutschland – ein Land stickigsten Miefs. Ein Inzuchtland.“ Man hört da die Ausländerbeauftragte der BRD-Regierung mit ihren Plaudereien von der kulturellen Bereicherung und der Talenteschwemme aus dem Maghreb. – Das Buch parodiert sich selbst, wenn die Schreckensnachricht geflüstert wird, auch Gottschalk und Kerkeling, „denen ihr schnoddriges Mundwerk zum Verhängnis geworden ist“,  seien im Lager.

Aber die Gesa wird’s schon richten. Zur Abschlußsprecherin bestallt, brüllt sie den Herrschenden die Wahrheit ins Gesicht und stürzt Schlott oder doch wenigstens dessen zerschellende Büste. Es steht zu befürchten, daß selbst dieses Ereignis das tumbe deutsche Volk nicht vom rechten Wege abbringen wird.

Man sollte meinen, ein solches Machwerk löste allenfalls mitleidiges Gelächter aus. Die Reaktionen von Schülern im Internet zeigen aber, daß es von vielen ernst genommen wird.

Deshalb so viele Zeilen über ein schlechtes Gutbuch.

 

 

 

 

 

 






Kommentar zu dieser Seite hinzufügen:
Ihr Name:
Ihre Nachricht: