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Junbai - Märchen aus Westafrika

Mündliche Volksdichtung aus Guinea-Bissau
(Übersetzt aus dem westafrikanischen Criol und dem Portugiesischen)
Junbai. Storias de bolama e do outro mundo (= Cultura popular da Guiné-Bissau 2)
Hrsg. v. Teresa Montenegro und Carlos de Morais
Imprensa Nacional Bolama 1979


Junbai


Geschichten von dem, was auf der Insel Bolama und in anderen Orten geschah - von Tieren und Menschen, vom Busch und von den Schlangen und von einer Reise in den Himmel


 


Da ist kein Platz für Freundschaft
Irão-cego, die Riesenschlange, und das Feuer

Irão-cego, die Riesenschlange, möchte zum Freund des Feuers werden.
Eines Tages geht sie zu ihm und sagt:
- Feuer, ich mag dich sehr!
Das Feuer war fassungslos.
- Du magst mich? Aber … sieh mal, ich bin so wild, für so etwas tauge ich nicht. Das kann nicht sein. Laß es lieber.
Irão-cego drängte:
- Ich mag dich so sehr … Ich möchte, daß du jeden Tag zu mir kommst. Ich will alle Tage nach dir Ausschau halten.
Das Feuer schleicht sich davon. Es sieht nicht nach der Schlange.
Irão-cego fährt fort, es zu locken. Immer wieder wirbt es, jedes Mal mehr. Bis eines Tages das Feuer der Sache ein Ende macht und zustimmt:
- Gut … Erwarte mich morgen, ich komme zu dir.
Die Schlange wartet an diesem Tag, des Lebens froh.
Als alles Gras verdorrt ist, erhebt sich das Feuer, um
Irão-cego zu besuchen. Das Feuer wächst, die Savanne flammt auf: Die Gazellen fliehen, die Kröten springen, alle Tiere des Busches verschwinden. Und selbst Iran-cego flieht und stürzt sich schließlich - platsch! - ins Wasser.
Das Feuer hinterläßt eine Wüste.
Als das Feuer sich nähert, sagt
Irão-cego zu ihm:
- He, du hattest wirklich recht! Du hast mir schon vor langer Zeit gesagt, daß es nicht gut ist, dein Freund zu sein.

Eine Geschichte von der Faszination des Feuers und der Unmöglichkeit, mit ihm Freundschaft zu halten. Die alljährlich angelegten Steppenbrände reinigen den Boden (was auch religiöse Bedeutung hat), vertreiben Buschratten, Affen und Gazellen, Leoparden und eben auch die Python, den Iran (= Geist) des Busches. Wo es Feuer gibt, sind keine Schlangen.
Irão-cego ("cego" bedeutet "blind" und weist wohl auf den schlechten Gesichtssinn der Schlangen hin) wird freundlich-ironisch geschildert, denn die (oder der) Python bedeutet keine Gefahr für den Menschen.


Du bist mir nicht gewachsen
Die Seeadlerin und Alma-biafada, der Hornrabe


Der Mann der Seeadlerin ist krank. Es geht ihm von Mal zu Mal schlechter, bis er nicht mehr kann. Da erscheint der Alma-biafada und macht der Adlerin den Hof. Sie wendet sich zu ihm und sagt:
- Mbé! Du kannst mich nicht verkraften, du kannst nicht für mich tun, was mein Mann für mich tut.
Der Alma-biafada drängt:
- Ich kann mehr als dein Mann.
- Ich bin sicher, daß du das nicht kannst. Mein Mann bringt mir nur Barben und Bicudas, er gibt mir nur große Fische zu fressen.
- Gut, ich werde sehen, ob ich dir das geben kann oder nicht, was dir dein Mann gibt.
Die Seeadlerin stimmt zu:
- Gut, wenn du das kannst, heirate ich dich.
An diesem Tag wurden der Alma-biafada und die Seeadlerin Mann und Frau. Von oben sah die Seeadlerin alles, was sich unten abspielte. Nach einiger Zeit erblickt sie einen großen Fisch und sagt zum Alma-biafada:
- Sieh mal den. Ich habe solchen Hunger, seit heute morgen habe ich nichts gegessen. Geh, fang' ihn mir!
Der Alma-biafada blickt nach seiner Frau und erinnert sich an sein Versprechen. Er erhebt sich, fliegt und stürzt sich auf den Fisch. Nicht umsonst! Er stürzt genau von oben, landet auf der großen Barbe und gräbt seine Krallen in sie. Er zerrt nach einer Seite, der Fisch nach der anderen. Er müht sich mit allen Kräften, aber er schafft es nicht.
Die Seeadlerin sieht von ihrem Platz aus ihren Gatten in der unangenehmen Lage und beginnt nachzudenken: "Wenn ich ihn nicht hole, wird er mir noch im Wasser sterben. Das ist eine riesige Barbe."
Sie beschließt hinabzufliegen. Sie erreicht das Wasser, greift die Barbe, greift den Mann, greift alles und kehrt auf den Affenbrotbaum zurück.
Dem Alma-biafada schlägt das Herz bis zum Hals. Die Frau läßt ihn ein bißchen ausruhen, bevor sie zu ihm sagt:
- Ich habe dir gleich gesagt, du wirst mir nicht genügen. Du sieht, ohne mich wärest du im Wasser gestorben. Und dann wären deine Verwandten gekommen und hätten gesagt, daß ich dich kalten Herzens habe umkommen lassen…
Ich habe dich nur wegen des Geredes der Leute herausgeholt.
Der Alma-bafada erhob sich trübsinnig und flog in den Busch, wo er heute noch wohnt.
Die Schande war größer als er.

Der Seeadler nistet auf Bäumen an der Küste, der Alma-biafada im Inland, im Busch, wo er sich von kleinen Krebsen und Fischen ernährt. Beide verkörpern in diesem Märchen natürlich auch menschliche Typen.
Es gilt als Symbol für eine gute Reise, wenn man die Flügelfedern des Alma-biafada lange erblickt. In Volksliedern oder auch Schlagern nimmt er etwa die Rolle unserer Möwe ein.





Jetzt ist nicht die Zeit zu klagen
Der Schlammspringer und die Frau


Eine Frau geht los, um an der Küste Schlammspringer zu fangen.
Sie fängt viele, und was sie fängt, sammelt sie in ein Netz.
Nach einiger Zeit erscheint die Frau eines Schlammspringers und beginnt zu weinen und zu klagen, daß es bis in die Mitte der Bucht klingt, als sie ihren Mann im Netz sieht.
Der Schlammspringer sagt zu ihr:
- Weine nicht. Erst wenn du den Geruch des Bratens spürst, kannst du nach Herzenslust klagen, aber solange du das Bratenfeuer nicht riechst, bewahre Ruhe.
Die Frau, die beim Fischen war, versteckt das Netz im Gras, um ein Bad zu nehmen. Der Schlammspringer nutzt die Gelegenheit, um zu entkommen, und schlüpft in seine Höhle. Und er sagt zu seiner Frau:
Habe ich es dir nicht gesagt? Solange du nicht meinen Geruch aus dem Feuer spürst, kannst du sicher sein, daß ich noch nicht gestorben bin.

Frei ist der Gefangene, weil er seine Lage erkennt, die Hoffnung nicht aufgibt und auf einen Ausweg sinnt; gefangen ist die Frau des Schlammspringers in Angst und Klagen.


Das ist es, was Gott mir gab
Der Falke und der Geier

Djugudé, der Geier, saß auf dem Ast eines Affenbrotbaumes, und dort traf ihn der Falke.
- Djugudé, wie geht es?
- Ich esse, wenn Gott mir etwas gibt.
- Also deswegen sitzt du hier so herum … Diese Faulheit wird dich noch umbringen. Alle Leute arbeiten, um zu essen. Du aber setzt dich hin und ißt nur, wenn Gott dir etwas gibt. Nur weiter so, dann wirst du schon sehen. Wenn du nur auf das wartest, was Gott dir gibt, läßt er dich sitzen.
- Tja, so bin ich eben.
Es vergeht ein Weilchen, der Falke sieht eine Taube vorbeifliegen und sagt zu Djugudé:
- Siehst du die Taube,
die dort fliegt? Gleich werde ich sie verspeisen!
- Flieg nur los. Es war Gott, der sie dir gab. Meinen Teil werde ich schon bekommen.
Der Falke stürzt der Taube nach, fliegt durch die Zweige des Affenbrotbaumes, bis ein Flügel an einen Ast schlägt: uap! - und bricht.
Der Falke stürzt und landet auf dem Boden - tutch!
Djugudé beobachtet das.
Der Falke schlägt mit den Flügeln, allein auf offenem Feld, versucht mit allen Kräften aufzufliegen, bis er endlich erschöpft ist.
Der Geier läßt sich langsam herabsinken und landet sanft.
Der Falke gerät in Panik.
- Djugudé, warum kommst du? Han! Doch nicht etwa, um mich zu fressen? Warte, laß mich sterben. Wenigstens kannst du mich in Ruhe lassen, bevor du mich frißt.
Der Geier antwortet ihm:
- Komm, beeil dich. Als du mich gefragt hast, was ich tue, um zu essen, habe ich dir gesagt: I
ch esse, wenn Gott mir etwas gibt. Und jetzt hat Gott mir etwas gegeben.


Weisheit und Alter gegen Jugend und Andrang - und der Beobachter erweist sich als der Klügere. Eine "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral".


Ich bin mehr als du
Die Erde und Gott

Einmal stritten sich Gott und Erde. Die Erde sagte:
- Gott, ich bin mächtiger als du.
- Warum bist du das?
- Weil ich es bin, der das Essen spendet, das du ißt mit deiner Familie.
Gott sagte nur:
- Han … Ich werde es dir schon zeigen.
- Du kannst mir gar nichts zeigen.
- Ich habe dir genug gesagt
Gott
stieg auf und beendete augenblicklich den Regen.
Alles auf der Erde, Menschen, Tiere, Pflanzen, alles blieb ohne Wasser. Die Dürre kam. Die Tiere begannen zu sterben, weil das Wasser fehlte. Die Pflanzen verdorrten. Man drosch den Reis und aß
ihn ungekocht. Es gab nicht einmal genug Wasser, um ihn zu kochen.
Die Erde begann nachzudenken und befahl, daß sich alle tiere versammeln, die noch übrig waren:
- Wer kann gehen, um mit Gott zu reden?
Alle versuchten sich zu drücken. "Han ... ich nicht ..." "Ich? ... Entschuldigung, Frau Erde
, aber ich kann nicht."
Da fragte die Erde den Hasen:
- Nun, wir wollen sehen. Gut, in der Morgendämmerung kann ich gehen.

Die Erde sagte so:
- Wenn du ankommst, klopfst du an das Tor und sagst: "Die Erde befiehlt zu sagen, daß sie jetzt weiß, daß du mehr bist als sie. Hab' Nachsicht und gib ein bißchen Wasser, weil die Familien alle schon vor Durst im Sterben liegen."
Der Hase ging los, lief, lief, lief, bis er ankam
. Er spürte Menschen Reis stampfen drinnen im Himmel und klopfte an das Tor.
Eine alte Frau, die dahinter saß und Kleie aß, hörte es und sagte:
- Habt ihr das Klopfen nicht gehört?

Da drinnen glaubte ihr niemand.
- Iß deine Kleie und laß das Lügen. Niemand kann bis hierher kommen.
Der Hase klopfte wieder, und die alte Frau sagte abermals:
- Es klopft.

Alle Leute, die beim Reisstampfen waren, ließen den Stößel fallen und rannten zum Tor.
Sie sahen den Hasen und öffneten.
- Was willst du?
- Die Erde schickt mich. Wo ist Gott? Ich kommen, ihn um Wasser zu bitten.
- Setz' dich und warte hier.
Sie bereiteten Essen und gaben es ihm. Als sie ihm Wasser brachten, trank er, bis er nicht mehr konnte und schließlich ohnmächtig wurde. Er kam wieder zu sich, setzte sich und wartete.
Nach einem Weilchen erscheint Gott.
- Also, was willst du?
- Die Erde schickt mich, um dir zu sagen, daß sie jetzt weiß, daß du größer bist. Schicke doch Wasser, weil die Familien alle im Sterben liegen, die Tiere sind am Sterben, die Pflanzen sind alle am Verdorren. Hab' Nachsicht.
Und Gott sagte ihm:
- Ich habe schon vor langer Zeit gesagt, daß ich mächtiger bin als sie. Jetzt werde ich dir einen Krug mit Wasser geben. Du gehst, und wenn du fast zu Hause bist, stürzt du den Krug um. Der KLrug stürzt, zerbricht, und es fällt Regen.
So machte es der Hase; er ging beinahe bis zum Haus und stürzte den Krug um.
Sofort begann der Regen.
Die alten Frauen, die schon so lange Zeit kein Wasser gesehen hatten und sich vor Durst kaum noch auf den Beinen halten konnten, knieten nieder, um den Mund auf den Boden zu legen und so zu trinken. Einige starben.
Es starben Schweine, Hühner, Enten … Viele starben am Übermaß des Trinkens, so groß war die Kraft des Durstes.
So kehrte der Regen zurück. Bis heute.

Der Streit zwischen Himmel und Erde vollzieht sich auf sehr menschliche Weise. Auch im Himmel geht es irdisch zu: mit Reisstampfen und Kleieessen.
Dürrezeiten gehören zur Geschichte des Landes, als die großen Hungersnöte bleiben sie im Gedächtnis des Volkes.
Die Mandinga-Tradition sieht die im 15. Jahrhundert augefällige Änderung des Klimas, die häufiger werdenden Dürren, als Strafe Allahs. Hunger und Auswanderung folgten.
Wenn der Regen kommt, sind die Probleme noch nicht gelöst. Der Hunger geht weiter, aus dem Wasser steigen die Krankheiten und überfallen die geschwächten Körper.
Der Hase ist im afrikanischen Volksmärchen pfiffig und mutig.

 

Da ist nichts zu machen
Der Schlammspringer und die Schildkröte

In der Hungerzeit lud der Schlammspringer die Schildkröte ein, Tchebén, Palmölfrüchte, zu schneiden.
Der Schildkrötenmann war einverstanden, und sie sagten zu den Frauen:
- Kommt mit, wir gehen in den Busch, um Tchebén zu schneiden.
Die Frauen nahmen beide einen Korb, und sie machten sich auf den Weg. Der Schildkrötenmann und der Schlammspringer gingen voran.
Als sie angekommen sind, klammert sich der Schildkrötenmann an einen Palmenstamm, trrac, trrac, trrac gelingt es ihm, mit einem Fuß einen Zweig zu packen. Aber als er versuchte, sich an der Palmenspitze zu sichern, schafft er es nicht, weil seine Corda, das Kletterseil, nichts taugte. Er rutscht ab, kann sich nicht halten und stürzt direkt zu Boden - tutch!
Seine Frau hört es:
- Ai, jetzt ist mir doch mein Mann abgestürzt!
Die Frau des Schlammspringers glaubt, ein Berg von einer Tchebén sei gefallen und sagt zu ihrem
Mann:
- Hast du nicht gehört? Der Schildkrötenmann hat einen Berg von einer Tchebén geschnitten.
Der Schlammspringer war auch auf den Gipfel einer Palme gestiegen. Aber weil seine Augen nach
hinten gerichtet sind, sah er nichts vor sich, und seine Augen zielten nur auf eine schöne rote Ölfrucht auf der Nachbarpalme. Er klettert hinab und beginnt die andere zu ersteigen. Als er dort oben angelangt
ist, sieht er wieder Ölfrüchte auf einer anderen Palme. Er steigt sofort hinab, um eine noch rötere zu
erlangen. Die Frau, angeödet von dem ewigen Auf- und Abklettern, sagt ihm:
- Komm 'runter, wir gehen ohne etwas nach Hause. Du steigst hinauf und herunter und schneidest nichts. Die Schildkröte hat es schon satt, Tchebén zu schneiden. Warte einen Moment, ich werde sie bitten, uns ein bißchen abzugeben.

Die Schildkrötenfrau war inzwischen zu Hause angekommen. Die Frau des Schlammspringers griff nach dem Korb, ging zu ihr und traf sie sitzend an:

- Gevatterin, kannst du mir nicht ein bißchen Tchebén überlassen, damit ich eine Suppe machen kann?... Mein Mann ist ununterbrochen auf- und abgestiegen und hat nichts gefunden. Er kletterte hinauf, kam wieder herunter, aber er hat nicht ein Nüßchen geschnitten. Die Schildkrötenfrau antwortete:
- Uaiooo ... Gevatterin! Denkst du, daß der Aufprall, den du gehört hast, von einer Tchebén kam? Was für eine Tchebén, was für eine! Es war mein Mann, der fiel. Er war sofort tot.
- Ehn, heute war wohl nicht unser Glückstag.
Und deshalb essen der Schlammspringer und die Schildkröte keine Tchebén. Sie wollten schon gern, aber da ist eben nichts zu machen.

Auf den Bijagos-Inseln gibt es große Palmenwälder. Die Ernte der Ölfrüchte oder auch der Kokosnüsse ist Sache der Männer. Tödliche Stürze sind häufig, das Klettern mit der Corda ist immer gefährlich. Der Tod ist auch sonst alltäglich, die gelassene Reaktion der Frauen zeugt davon.
Die komplizierte und anstrengende Weiterverarbeitung der Palmfrüchte ist Sache der Frauen.



Geh' zu deinem Leben!
Der Djambatutu-Vogel
und der Täuberich
Der Djambatutu und der Täuberich gingen zum König, um ihn um eine Frau zu bitten. Der König antwortete ihnen:
- Gut, ich werde jedem ein Stück Land zum Roden geben. Wer zuerst fertig ist, dem werde ich eine Frau geben.
Der Djambatutu wählte ein Buschmesser, der Täuberich ein anderes.
Der Djambatutu nahm sich das schönere, noch neue und rostfreie. Der Täuberich mußte sich mit einem rostigen begnügen.
Jeder ging mit seinem Messer in den Busch, um ihn zu roden. Man zeigte ihnen den Platz, und sie nahmen dort Aufstellung.
Sie drangen in den Busch. Der Djambatut hebt das Buschmesser, um einen Baum zu schneiden, das Messer schlägt auf das Holz und macht dim! corocotó cotó cotó … Es schneidet nichts. Es kann nichts schneiden, es ist stumpf.
Der Djambatutu versucht weiter zu schneiden.
Der Täuberich fällt seinen Baum mit einem Schlag. Jeder Schlag, der niedergeht, stürzt einen Baum. Und mit jedem Schnitt wird das Messer schärfer. Jeder Schlag ein Baum.
Die Bäume stürzen, und das Gelände wird sauber.
Der Djambatutu aber fährt fort, immer auf den gleichen Baum einzuschlagen, und es klingt immer noch gleich:
corocotó cotó cotó.
In der Dämmerung geht der König los, um zu sehen, wie weit die Arbeit gediehen ist, die er befohlen hat. Er kommt an und sieht, daß der Täuberich schon das ganze Gelände gerodet hat, das ihm zugeteilt war, während der Djambatutu nichts geschafft hatte.
Der König griff sich den Djambatutu und jagte ihn in den Nachttau:
- Geh' zu deinem Leben!
Der Täuberich erhielt eine Frau und machte weiter.
Der Djambatutu klagt noch heute im hohen Gras sein tu-tu-tu. Er bekam keine Frau und blieb ein- für allemal im Busch, wo er die Nässe ertragen muß und nur Ungeziefer fängt.


Der König ist höchste Autorität, auch in Fragen der Heirat.
Proben gehören zum Lebensrhythmus der Afrikaner. Auch hier ist das Reinigen eines Feldes ein religiöser Akt. Erfahrung und Klugheit siegen über bloße Kraftentfaltung.


Ich bleibe hier
Der Hund und die Hyäne

Der Hund lebt im Busch. Er und die Hyäne sind große Freunde und gehen immer gemeinsam. Eines Tages sagt der Hund zur Hyäne:
- Hör mal! Wir haben hier seit langer Zeit ein bißchen Honig. Er wird uns noch verderben. Ich könnte mich auf den Weg machen und ihn verkaufen.
Die Hyäne schien nicht interessiert:
- Nein. Ich glaube nicht, daß du zurückkommst.
- Was? Wofür hältst du mich, bin ich verrückt oder was? Ich habe doch mein Haus hier, warum sollte ich im Marktflecken bleiben?
Die Hyäne ließ sich überzeugen.                                                                                                         
- Also gut. Du kannst ihn mitnehmen.
Sie nahm die vier Krüge mit Honig und gab sie dem Hund. Der Hund nahm die Honigkrüge und ging
zur Stadt.                                                                    
Auf dem Wege kam er an einem Hochzeitsfest vorbei. Zufällig war ich selbst bei dieser Hochzeit. Man
aß und trank große Mengen. Wir taten uns gütlich am Fleisch, und je mehr wir aßen, desto mehr
Knochen blieben übrig. Der Hund vergnügte sich mit diesen Knochen. Und selbst, als ich mich hinter
ihn stellte, nahm er keine Notiz von mir und fuhr fort zu fressen. Über so vielen und guten Knochen
vergaß er schließlich ganz die Krüge mit Honig, die er verkaufen wollte. Er hatte die Krüge vor die
Pforte gestellt.
Wir aßen weiter Fleisch und schmatzten an den Knochen, und auch der Hund fraß. Er bemerkte mich
nicht, und ich vergaß ihn.
Das Fest endete erst am Morgen. Erst zu dieser Zeit erinnerte sich der Hund der Krüge, aber er wußte
nicht mehr, wohin mit ihnen, und fragte uns, ob sie jemand kaufen wolle.
- Und wieviel willst du dafür?                                                                                               ,
- Wenn es wenigstens fünf Pesos wären, wo ihr mir doch schon so viele Knochen gegeben habt... mehr
kann ich nicht verlangen.
Er brachte die Honigkrüge, und der Handel wurde abgeschlossen.
Jetzt hat der Hund nicht mehr den Mut, in den Busch zurückzukehren, nachdem er den Honig so billig
verkauft hat. Er wagt nicht, der Hyäne in die Äugen zu sehen und ihr zu sagen, daß er den Honig und
selbst die Krüge, daß er alles für fünf Pesos verkauft hat.
Die Hyäne hat es satt zu warten und beginnt des Morgens zu rufen:
- Buuuuuuliii... Denn das ist das Wort für Krüge.
Sie will wenigstens die Krüge zurückhaben, an Honig oder Geld wagt sie schon nicht mehr zu denken.
Und deshalb ruft sie nur:
- Buuuuuulii...!
Der Hund antwortet von hier:                             
- Kaputt, kaputt, kaputt. Ich komme nicht mehr zurück. Kaputt. Ich komme nicht zurück.
Er blieb im Marktflecken. Er kehrte nicht in den Busch zurück aus Angst vor der Hyäne. Und deshalb kann man im Busch die Hyäne klagen hören:
- Buuuuuulii...!
Bald hört man den Hund antworten:
- Kaputt, kaputt, kaputt!

Im Criol-Text heißt es "lubu", im portugiesischen "lobo" (Wolf) - gemeint ist die Hyäne, eine häufige Gestalt in den Volkserzählungen von Guinea-Bissau. Ihr werden Verschlagenheit und Skrupellosigkeit nachgesagt, jedoch wird sie auch oft übertölpelt, z. B. vom Hasen.
Es ist eine "Stadt"geschichte: Mit Markt und Verkauf, mit Geld und Redewendungen wie "bin ich verrückt" - als solches eine Ausnahme.

Du sammelst Holz für deinen Scheiterhaufen
Die Kröte, der Krebs und die Krabbe

Früher leben Kröte, Krebs und Krabbe gemeinsam. Sie wohnten am gleichen Ort und waren eine Familie.
Bis es eines Tages zu einem großen Palaver kam.
Ein Wort gibt das andere, die Kröte erinnert sich daran, daß der Krebs nicht springen kann, und sage:
- Hör mal, ich habe keine Angst, mit dir zu kämpfen.
Die Krabbe stachelte inzwischen den Krebs an. Der Krebs sagte nur:
- Du schürst das Feuer, in dem du verbrennst. Hast du mich schon einmal richtig angesehen mit diesen zwei Scheren - und du willst mit mir kämpfen? Mbé …
Die Kröte gab nicht nach:
- Was du dir einbildest. Ich springe, wie ich will, über dich hinweg, aber du wirst nie springen.
Die Krabbe wollte unbedingt Krawall haben:
- Ihr könnt anfangen, ich werde die Trommel dazu schlagen:
   Bambamturu! Koch mir schon die Bohnen!
   Bambamturu! Koch mir schon die Bohnen!
   Bambamturu! Koch mir schon die Bohnen!
Die Kröte nimmt all ihre Kraft zusammen und springt mit einem Satz in den Rücken des Krebses: Quip! Der Krebs kann nicht über die Kröte springen und sagt nur:
- Denk daran, daß ich dir niemals Böses getan habe, wenn du keinen Ärger bekommen willst.
- Nein. Ich will mit dir kämpfen, um dir klar zu machen, wer der Stärkere ist. Du hast zwar zwei scharfe Scheren, aber ich habe lange Beine und Arme, ich werde dich packen, bis du jammerst, daß man dich dort oben hören wird.
- Nun gut, wenn du es willst, soll es meinetwegen so sein.
Die Kröte springt wieder über den Krebs. Sie springt wieder und wieder und stürzt schließlich ins
Wasser.     
Der Krebs bewegt nur eine Schere, die andere braucht er nicht einmal, und greift tüchtig in die Seiten
der Kröte, quif! Dann kneift er zum zweitenmal, quif.
Die Kröte beginnt sofort furchtbar zu schreien.
Öi, oi, oi! Das gilt nicht, so geht das nicht! Ich sagte, einer gegen den anderen, nicht zwei. Ich sagte es,
um zu kämpfen, ich habe vertraut, und jetzt kommen schon drei, vier, fünf gegen mich.
Der Krebs:                                                               
- Frag dort die Krabbe, die hat genau gesehen, daß es nur zwei Scheren sind, mit denen ich dich kneife. Die Krabbe bestätigte es:
- Ihin. So war es.
Die Kröte glaubt es nicht.
- Das ist nicht wahr. Ich fühle es hier zwicken, ich fühle es an der anderen Seite, ich fühle mindestens drei,
oder vier. Es reicht. Ich will nichts mehr von dir.         
Und die Kröte reißt sich los, springt ins Wasser und stürzt ans Ufer. Und der Krebs verfolgt sie seitdem.
Jetzt, wenn es regnet, hört man gewöhnlich:
- Betruuuug...Betruuuug..'.Betruuuug...warum?...coc...coc...coc...aber warum... Deshalb floh die Kröte vor dem Meer und lebt seitdem an der Quelle.

 
Ein Streit zwischen Verwandten, sehr verschiedenen menschlichen Typen.
Die Fabel wurde im traditionellen Unterricht verwendet, eine Art Projekt in Psychologie und Zoologie.



Dimingo Djamano

Es gab einen Jäger in Gan-Fodeba, mit dem kein anderer sich vergleichen konnte. Er verbrachte das
Leben mit Jagen, immer mit Jagen. Es war der berühmte Dimingo Djamano.
In welchen Busch er auch eindrang, immer mußte er ein Tier erlegen. Niemals ging er leer aus.
Die Schlange hörte von ihm, verwandelte sich in ein Buschhuhn und erwartete ihn, auf einem
Affenbrotbaum sitzend.
Dimingo Djamano erschien und zielte sofort auf das Buschhuhn. Das Buschhuhn stürzte herab, Dimingo Djamano geht, um es aufzuheben, und genau in diesem Moment springt es auf und beginnt zu singen:
   Dimingo Djamano Djamano
   greif mich jetzt, Djamano
   mich, das Huhn von Gan-Fodeba
Kaum hatte er es ergriffen, fährt das Huhn fort:
   Dimingo Djamano Djamano
   trag mich nach Haus, Djamano                                                                          
   mich, das Huhn von Gan-Fodeba
Sie kommen ans Haus, und das Huhn beginnt wieder:
   Dimingo Djamano Djamano
   rupf mich jetzt Djamano
   mich, das Huhn von Gan-Fodeba
Dimingo Djamano ist mit dem Rupfen fertig, und das Huhn:
   Dimingo Djamano Djamano
   teile mich jetzt, Djamano
   rnich, das Huhn von Gan-Fodeba
Der Jäger teilt es, und das Huhn singt weiter:
   Dimingo Djamano Djamano
   wasch mich gut Djamano
   mich, das Huhn von Gan-Fodeba
Gewaschen singt es:                                                                               
   Dimingo Djamano Djamano
   Koch mich jetzt Djamano
   mich, das Huhn von Gan-Fodeba
Und gekocht beginnt es wieder zu singen:
   Dimingo Djamano Djamano
   nimm mich aus dem Topf Djamano            
   mich, das Huhn von Gan-Fodeba
Außerhalb des Topfes singt es:                                                        
   Dimingo Djamano Djamano
   iß mich jetzt Djamano          .
   mich, das Huhn von Gan-Fodeba
Dimingo Djamano ißt und bekommt Durst.
Da hört er:
   Dimingo Djamano Djamano  
   trink mir Wasser jetzt, Djamano
   für mich, das Huhn von Gan-Fodeba.
                                                                                                                       
Als er fertig ist mit Trinken, hört er wieder:
   Dimingo Djamano Djamano
   begrabe die Knochen Djamano
   von mir, dem Huhn von Gan-Fodeba
Der Jäger gehorcht.
Als er den letzten Knochen begraben hat, stürzt er wie erschlagen zu Boden. Das Buschhuhn verläßt seinen Körper, erhebt sich und fliegt auf, zurück auf den gleichen Affenbrotbaum, von dem es herabgestürzt war.

Der Jäger begegnet täglich vielen Gefahren. Hier aber ist es kein gewöhnlicher Jäger, wie auch seine Beute nicht gewöhnlicher Art ist. – Gan-Fodeba ist der Name einer kleinen Tabanca, eines Dorfes, im Westen der Insel Bolama. Der aus der Mandinga-Sprache stammende Name könnte „Heimstatt des großen Heiligtums“ bedeuten. Auch die Geschichte stammt aus der Mandinga-Tradition. Die Schlange, die hier den Busch und seine Bewohner beschützt, bewachte einst auch das Ghana-Reich und seine Goldminen.
 

Die Hände sind trocken!
Oh, sie trocknen niemals!

Ein Häuptling hat eine Frau, die schon alt war.
Eines Tages beschließt er, sich auf die Suche nach einem jungen Mädchen zu machen, um aufs neue zu heiraten.
Er findet das Mädchen und sagt ihr, daß er sie heiraten will, damit sie ihm die Kleidung wäscht und das Essen zubereitet. Das Mädchen ist einverstanden und geht mit, um zu heiraten.
Kaum angekommen, übernimmt die neue Frau die Aufsicht über das Haus. Am ersten Tag geht sie in die Küche, bereitet das Essen und füllt die Kalebasse für die drei: für die Alte, für sich und den Mann.

Als sie mit dem Essen fertig sind, füllt der Mann Wasser in die Kalebasse und bittet die Frauen, sich die Hände zu waschen. Dabei sagt er:
- Wessen Hände zuerst trocken sind, der bleibt im Hause.
Als das Mädchen mit dem Händewaschen fertig ist, hebt sie sie über den Kopf und wartet, daß sie trocknen.
Die Alte wäscht die Hände und beginnt zu klatschen, während sie singt:
   Sie trocknen! Sie trocknen nicht! Ich gehe los!
   Sie trocknen! Sie trocknen nicht! Ich gehe los!

Und so, wie sie in die Hände schlägt, trocknen diese.
Weil ihre Hände eher trocken waren, war es die alte Frau, die im Hause blieb. Das Mädchen, mit immer noch feuchten Händen, packte ihre Sachen und ging.

Auch hier sind Erfahrung und Fleißt mehr wert als Jugend und Schönheit. Aus der Geschichte spricht die hohe Wertschätzung des alten Menschen. Wir erfahren etwas über die
Rolle der Frau und die Gründe für eine Heirat.


Wir wählen für dich

Es war einmal ein Mädchen, das pflegte zu sagen, es würde nie einen Jungen heiraten, der einen Schwanz hätte. Nur einen, der keinen hätte.
Der Vater fragte sie:
- Was?
Das Mädchen antwortete:
- Das ist die Wahrheit.
Und der Vater fand sich schließlich damit ab:
- Du mußt es wissen. Du wirst schon bekommen, was du willst.

Die Schlange erfährt davon. Sie verwandelt sich in einen Jungen ohne Schwanz. Kaum erscheint sie, geht das Mädchen mit ihr zum Vater:
- Hier ist der Junge, den ich will.
Die Schlange nimmt das Mädchen mit sich, um zu heiraten.
Dabei sagt sie zur Braut, daß es sehr weit zu ihrem Haus ist, wie von hier nach Bolama. Und das Haus ist dermaßen schmutzig, daß man es sich nicht vorstellen kann.
Die Schlange hat einen Hahn, einen Hund und einen Kater. Wenn der Hahn ruft, hört es die Schlange, und es genügt, daß der Hund zu bellen beginnt, damit sie ebenfalls bald erscheint.
Das Mädchen hat fünf Brüder: Einer ist Hellseher, einer Mechaniker, einer Zimmermann, einer Jäger, und einer ist Dieb.
Eines Tages ruft der, der Hellseher war, die Mutter, den Vater und die anderen Brüder. Er läßt sie sich setzen und sagt ihnen, daß es ihrer Schwester in ihrem Haus sehr schlecht ergeht. Sie ißt nichts, sie tut nichts und magert immer mehr ab. Der Ehemann läßt sie allein und geht bummeln.
Der Hellseher beschließt mit den anderen, die Schwester zu holen.
Sie bereiten das Kanu vor und fahren. Der Dieb hat Fisch bei sich, Fleisch und Reis, um die Tiere - Kater, Hund und Hahn - abzulenken, während sie die Schwester holen.
Sie laufen, fassen die Schwester und springen sofort ins Kanu.
Sie haben nicht einmal die Mitte der Bucht erreicht, als die Schlange erscheint. Der Hund hatte gebellt. Kaum hat die Schlange sie erblickt, entfesselt sie sofort einen Sturm, der das Kanu zum Kentern bringt. Der Zimmermann nimmt die Teile, macht nur einen Hammerschlag, und das Kanu ist wieder zusammengesetzt. Der Motor geht entzwei
, aber der Mechaniker bringt ihn schnell wieder in Ordnung.
Die Schlange nähert sich, und ihre Köpfe schlingen sich durcheinander.
Der Jäger fragt den Hellseher:
- Aber welches ist der richtige Kopf, an welcher Stelle sitzt er?
Die Schlange hat sieben Köpfe. Der Jäger hat sieben Kugeln bei sich, eine für jeden Kopf.
Der Hellseher zeigt:
- Schau, da ist ein Kopf.
Der Jäger drückt ab und trifft einen Kopf. So bleiben nur noch sechs.Der Jäger verfehlt keinen. Einen nach dem anderen erlegt er alle sieben Köpfe.
Das Meer beruhigt sich sofort, und so schaffen sie es, die Schwester nach Hause zu bringen.
Und deshalb pflegt man zu sagen: Mädchen, heirate nicht nach deinem Kopf. Warte, was deine Familie für dich entscheidet.

Eine Gattenwahl ohne das Einverständnis der Familie kann einfach nur bizarr sein - ein Junge ohne Schwanz - und führt zur Katastrophe.
Ein schlechter Mann, das ist ein unglückliches Leben.
Eine Familie aus Männern bedeutet Kraft und Überlegenheit. Der
Irão, der Geist des Ortes, greift ein.


Spricht der Himmel, antwortet die Erde

Ein Mädchen hat vier Freunde. Einer holt ihr das Wasser, der andere ist immer da, um ihr Tücher zu reichen, wieder ein anderer lädt sie zum Essen ein. Aber nur einer schläft mit ihr.
Einer sagt immer: "Das ist meine Verlobte." Der andere sagt: "Hier sehe ich mein Mädchen."
Eines Tages sieht einer der Freunde das Mädchen mit dem anderen schlafen, fühlt Eifersucht und tötet das Mädchen.
Der König, von dem Geschehen unterrichtet, befiehlt das Bombolom zu schlagen, damit alle erscheinen und der Hinrichtung des Jungen beiwohnen.
Dieser Junge hat einen Freund. Als er schon am Affenbrotbaum festgebunden ist, erscheint sein Freund und bittet, daß man ihn losbinde und gehen lasse, damit er sich von seiner Familie verabschieden könne, und er bietet an, sich statt seiner fesseln zu lassen.
Der Junge wird losgebunden und geht, um sich von seiner Mutter zu verabschieden. Im Haus der Mutter fragt ihn diese:
- Willst du dich nicht von deiner Großmutter verabschieden?
- Von dieser einäugigen Alten? Nein, ich gehe nicht.
Aber die Mutter besteht darauf, und der Junge geht schließlich.
Die Großmutter sagt zum Jungen, er solle zur Koppel gehen und alle Pferde berühren. Diejenigen, die auf den Beinen bleiben, solle er lassen, Jenes, das stürzt, solle er besteigen und ihm folgen.
Der June tut, was die Großmutter ihm befiehlt. Er nimmt das Pferd und reitet los.
Auf halbem Wege sieht er eine Kröte. Die Kröte sagt zu ihm:
- Nimm mich mit, nimm mich mit!
- Wie solle ich dich mitnehmen? Du hast ja nicht einmal einen Hintern.
- Halt an, damit ich aufsteigen kann.
Der Junge hält an, und die Kröte setzt sich auf den Rücken des Pferdes.
Etwas später begegnet er einer Eidechse.
- Nimm mich mit, nimm mich mit!
- Wie kann ich dich mitnehmen? Du hast ja keinen Hintern zum Sitzen …
Der Junge hält an, und die Eidechse steigt auf den Rücken des Pferdes.
Bei der Ankunft läuft die Eidechse los und klettert sofort auf den Affenbrotbaum. Die Kröte bleibt unten.
Inzwischen bindet man den Freund des Jungen los und fesselt den wirklich Schuldigen.
Als schon jemand vortritt, um den Jungen zu töten, hört man von oben eine Stimme:
- Töte nicht, töte nicht!
Von unten antwortet eine Stimme:
Laß das Töten. Du bist der Himmel, ich bin die Erde.
Kaum erheben sie abermals die Hand, um den Jungen zu töten, hört man wieder:
- Töte ihn nicht, töte ihn nicht!
- Laß das Töten! Du bist der Himmel, ich bin die Erde …
Der König erschrickt:
- Seit meiner Geburt habe ich oft gesehen, wie mein Vater an eben dieser Stelle Menschen tötete. Heute, da ich jemanden töten will, spricht der Himmel, antwortet die Erde.
Von neuem hört man:
- Töte ihn nicht, töte ihn nicht!
- Laß das Töten! Du bist der Himmel, ich bin die Erde.
Sie binden den Jungen los und lassen ihn frei.

Der König verkörpert absolute Macht; seine Gerichtsbarkeit erstreckt sich über Leben und Tod.
Das Urteil ist muslimisch, der Verlauf der Geschichte animistisch.
Der Affenbrotbaum ist die Heimstatt des Irão.


Mariama und der Affe

Es war einmal ein Mädchen, genannt Mariama Djará, das war verlobt mit einem Affen im Busch. Tag für Tag bereitete sie ihm Essen und stampfte Mehl, um es ihm zu bringen.
Das Mädchen hatte einen jüngeren Bruder, der war ein Zauberer.
Eines Tages, als sie wie gewöhnlich dem Affen das Essen brachte, verwandelte sich der Bruder in eine Bremse und folgte ihr, um sie zu beobachten. Das Mädchen wunderte sich:
- Mbé! Solange ich Essen bringe, ist mir noch nie etwas aufgefallen, und heute ist alles voll von Bremsen.
Und sie fuhr fort, Reis zu stampfen, Essen zuzubereiten und es wegzubringen. Bei der Ankunft sang sie:
   Tô mini mini tô
  
tô mini mini tô
   a nani tô catentenquió
   a nani tô
Der Affe, immer hungrig, antwortete:
   a nin quili ó, bi lin bi lin
   a nin quili ó, bi lin bi lin
Und sie unterhielten sich.
Nach einem Weilchen ging der Affe los, und Mariama kehrte nach Hause zurück.
Der jüngere Bruder ging zum Vater und erzählte:
- Papé! Mariama geht in den Busch, um einen Affen zu lieben.
Der Vater antwortete:
- Wir werden sie an einen weit entfernten Ort schicken.
Er rief Mariama und befahl ihr, in Bolama de Baixo Palmkerne zu holen.
An diesem Tage bereitete der jüngere Bruder das Essen und ging mit dem Vater in den Busch. Bei der Ankunft sang der Bruder:
   Tô mini mini tô
  
tô mini mini tô
   a nani tô catentenquió
   a nani tô
Der Affe antwortete sofort:

   a nin quili ó, bi lin bi lin
   a nin quili ó, bi lin bi lin
Kaum war er aufgetaucht, erschoß ihn Mariamas Vater. Er brachte den Affen nach Hause und kochte ihn. Den Kopf des Affen legte er in die Kalebasse von Mariama. Als Mariama kam, sagte er zu ihr:
- Mariama, da ist das Essen.
Aber sie wollte nicht essen. Sie stampfte Reise, bereitete Essen und ging wieder zur Quelle:
   Tô mini mini tô
   tô mini mini tô
   a nani tô catentenquió
   a nani tô
Niemand antwortet.
Von neuem singt sie:
   Tô mini mini tô
   tô mini mini tô
   a nani tô catentenquió
   a nani tô
Absolute Stille.
Mariama nahm weinend den Krug und füllte ihn mit Wasser. Plötzlich erträgt sie es nicht mehr, stürzt ins Wassen und stirbt.

Auch hier hat das Mädchen über den eigenen Gatten nicht zu entscheiden. Ihre Wahl - ein Affe - kann daher nur absurd sein. Sie hat deshalb höchst grausame Folgen.
Die Geschichte wurde in Assomada erzählt, die Entfernung nach Bolama de Baixo beträgt etwa 20 km.


Sagt niemandem etwas!

Einige Mädchen verabreden, sich das Zahnfleisch tätowieren zu lassen, ohne zu Hause etwas zu sagen.
Sie kommen an, lassen die Tätowierung machen und gehen. Beim Abschied warnt man sie:
- Ihr könnt gehen, sprecht aber mit niemandem, bevor ihr zu Hause angekommen seid.
Die Mädchen hören den Rat und machen sich auf den Weg.
Auf dem Rückweg kommen sie an einer Quelle vorbei, wo das Wasser einen schönen See bildet. Sie ziehen sich aus, legen die Kleisder in einen Winkel und gehen baden. Sie stiegen ins Wasser, nahmen ein Bad und begannen zu spielen.
Ein Vogel, der währenddessen auf einem Baum gesessen hatte, wollte wissen, was es mit diesen Mädchen, die nicht sprachen, auf sich habe. Er beschloß, die Kleider wegzunehmen, brachte sie auf den Baum und wartete.
Als die Mädchen aus dem Wasser stiegen, sahen sie ihre Kleider nicht mehr. Plötzlich entdecken sie die Kleider auf de Baum. Sie wollen um die Kleidung bitten, aber sie können nicht, weil man ihnen am Ort der Tätowierung geraten hatte: Sagt niemandem etwas!
Ohne die Lippen zu öffnen, singen sie im Chor:
   Fano fandan na fano dina
   fano fandan na fano dina
   ndjerca, ndjerca na fano dina
   Ehé! … na fano dina
   Ehé! … na fano dina
Sie hören auf und warten.
Aber der Vogel will ihnen die Kleider nicht geben und spricht selbst:
- Nein, wenn ihr nicht lauter singt, kommen die Kleider nicht.
   Fano fandan na fano dina
   fano fandan na fano dina …
Die Mädchen beginnen wieder zu singen. Am Anfang summen sie noch, aber angesichts der Ablehnung des Vogels öffnen sie nach und nach den Mund und singen endlich mit klarer Stimme:
   Fano fandan na fano dina
   fano fandan na fano dina

   ndjerca, ndjerca na fano dina
   Ehé! … na fano dina
   Ehé! … na fano dina
Nur eine versucht, den Mund nicht zu öffnen. Die anderen sangen immer klarer und lauter und starben eine nach der anderen. So blieb nur diese eine, weil sie geschwiegen hatte, während die anderen sangen.
Und der Vogel gab ihr das Kleid nicht zurück. Das Mädchen blieb dort und wartete.
Da kam eine Frau vorbei, die mit Kleidern handelte, sie nahm ein Tuch und gab es ihr.
Das Mädchen nimmt das Tuch, macht sich auf den Weg nach Hause und singt:
   Fano fandan na fano dina
   fano fandan na fano dina

   ndjerca, ndjerca na fano dina
   Ehé! … na fano dina
   Ehé! … na fano dina
Als sie zu Hause ankam, fragten die Eltern sie:
- Und deine Freundinnen?
Aber sie konnte nichts mehr erzählen, weil sie genau in diesem Moment stumm wurde. Da, wo sie sich gesetzt hatte, blieb sie. Sie bekam starkes Fieber, ging bald zu Bett und sprach niemals wieder bis auf den heutigen Tag.

Über religiöse Praktiken - hier die Violettfärbung des Zahnfleisches - hat man Stillschweigen zu wahren. Leichtsinn wird streng bestraft. Der Vogel ist der Irão des Ortes.


Sene, der einzige Sohn


Stellt euch eine Entfernung vor … wie von hier nach Uato. Die Einwohner von Bolama de Baixo und Uato vereinbaren, sich in Caledje zu treffen, um eine Feuerjagd zu machen.
Am nächsten Mittag geht Bolama de Baixo los, um sich Uato zu treffen. Sie werden sich in Caledje begegnen.
Sie beginnen Feuer in den Busch zu legen und zu jagen. Sie rennen hinter Buschratten her, verfolgen Buschratten, ab sie erwischen nichts. Endlich schaffen sie es, eine einzige für die drei Dörfer zu fangen - eine einzige Buschratte.
Auf dem Rückweg setzen sie sich hin und ruhen auf dem Weg aus, wobei irgendjemand sagt:
- Und jetzt, wo wir nur eine einzige Buschratte gefangen haben, wie werden wir teilen?
- Hmm! Ich habe keine Idee. Aber jeder von uns muß ein bißchen bekommen.
- Und wie? Diese Buschratte für drei Dörfer? Bolama de Baixo kann nicht ohne ein bißchen Fleisch gehen. Auch Uato geht nicht ohne Fleisch. Wir in Caledje wollen natürlich auch nicht ohne Fleisch bleiben.
- Schauen wir uns mal die Leute an. Wer hat Brüder mitgebracht?
Sie schauten und schauten, aber alle waren in Begleitung. Es gab nur einen, der keinen Bruder mit sich hatte. Er war der einzige Sohn.
- Töten wir Sene. Wir schneiden ihn in Stücke und legen ihn zu dem Fleisch der Buschratte, damit wir teilen können.
- Eine gute Idee! Das ist es! Er hat hier keinen Bruder. Töten wir ihn!
Sie töten Sene, teilen ihn, vermischen alles, und schon ist es nicht mehr nur das Fleisch einer Buschratte.
Sie teilen: Bolama de Baixo mit seinem Teil, Uaato einen anderen, Caledje den seinen. Sie kehren zurück, Bolama de Baixo kommt hierher, Uato geht nach dort, Caledje bleibt.
Die Mutter von Sene sieht alle seine Gefährten kommen.
- Aber wo ist Sene?
Schweigen. Niemand sagt: "Sene ist dort geblieben" oder "Sene ist tot", niemand …
Ein Vogel fliegt auf und setzt sich auf den Zweig eines Kaschubaums, neben dessen Stamm Nhala - die Mutter senes - den Mörser stampft. Er beginnt zu singen:
   Cuao cuaqui curuendere
   curua catchara, cudju curuendere
   danibá pandemdemá curuendere
   sanimdebá tchiquinam djudju curuendere
   sibantenebá tchiquinam djudju curuendere
   sibantenebá Sene Nhalé curuendere
Mit diesem Gesang erzählt der Vogel: "Sie beschlossen, zur Jagd zu gehen / nur eine Buschratte konnten sie fangen / und um das Fleisch teilen zu können / mußten sie Sene Nhalé töten."
Die Mutter hielt inne im Stampfen, um aufmerksam dem Gesang des Vogels zu lauschen.
- Es scheint, als wenn dieser Vogel den Namen meines Sohnes spricht…
Sie legt den Stößel zur Seite und beginnt zuz lauschen. Der Vogel fährt fort:
   Cuao cuaqui curuendere
   curua catchara, cudju curuendere
   danibá pandemdemá curuendere
   panemdemá tchiquinam djudju curuendere
   sibantenebá tchiquinam djudju curuendere
   sibantenebá Sene Nhalé
   Sene Nhalé, Sene Sanga
oooh…
Sanga ist Senes Vater. Kaum hört die Mutter den Namen Sene Nhalé Sanga, läßt sie den Holzstößel fahren und bricht in Tränen aus. Der Vater macht einige Schritte und beginnt ebenfalls zu weinen. Sie machen sich auf den Weg nach Uato. Als sie in Uato ankommen, fragen sie nach Sene. Niemand hatte ihn gesehen.
Sie kommen nach Caledje, und an der gleichen Kreuzung, wo das Fleisch verteilt worden war, entdeckt Senes Mutter die Fußspur ihres Sohnes. Sie hatten vergessen, die Fußspuren zu beseitigen.
- Schaut her! Eine Fußspur von meinem Sohn. Sie haben ihn getötet, sind nach Hause gegangen, und niemand hatte den Mut, mir zu sagen, daß sie meinen Sohn getötet haben. Danke, guter Vogel. Wenn es dich nicht gäbe, hätte ich nie erfahren, was mit meinem Sohn gemacht worden ist. 

Die Erzählung gibt Auskunft über Jagdmethoden und die Seltenheit eines Einzelkindes. Auch heute noch liegt die Geburtenrate im Durchschnitt bei fast sechs Kindern pro Frau, bei allerdings hoher Säuglingssterblichkeit. Kinder waren und sind - zumindest auf dem Lande - Reichtum und Alterssicherung.
In dieser Geschichte kommt der Mutter die Hauptrolle zu.



Naninquiâ

Ein König hatte einmal eine sehr schöne Tochter. An dem Tage, an dem sie geboren wurde, pflanzte er eine Kokospalme.
So, wie das Mädchen wuchs, wuchs auch der Baum.
Als das Mädchen ins Heiratsalter kam, sagte der König:
- Du wirst den Mann heiraten, der deinen Namen errät.
Es kamen Jünglinge aus vielen Ländern. Jeder brachte seine Geschenke. Der König wiederholte: Sie wird nur den Mann heiraten, der ihren Namen errät.
Die Schlange erfuhr davon und verwandelte sich in eine weise Frau, sehr alt, so alt, daß ihr Rücken mit Austern bedeckt war. Sie ging zur Quelle und begann sich zu waschen. Zu jedem, der vorbeikam, sagte sie:
- Komm, reib mir den Rücken.
- Ich, mit diesen meinen Händen, mit denen ich die Braut holen will? Nimm Vernunft an …
Es kam wieder einer vorbei, und sie sagte.
- Bitte, reib mir den Rücken …
Alle lehnten ab.
Nach einiger Zeit näherte sich ein Mann mit seinem Hund. Die weise Frau bat abermals:
- Bitte, reib mir den Rücken …
Der Mann kam näher. Er begann, den Rücken mit der linken Hand zu reiben und rieb sich alle Finger ab. Er wechselte die Hand und zerschnitt die Finger der rechten. Er rieb mit dem linken Fuß und zerschnitt sich die Zehen. Er nahm den rechten, die gleiche Sache.
Da sagte die weise Frau: Du kannst gehen.
Der Mann ging los, aber die weise Frau rief ihn zurück:
- Höre meine Worte: Der Hund wird dir den Namen des Mädchens verraten, das du zu suchen gehst. Jenes Mädchen, von dem sie sagen, daß es nur einen Mann heiraten wird, der ihren Namen errät.
Der Mann ging, der Hund immmer hinterher. Sie gingen, gingen, gingen, bis der Hund sich verlief. Der Mann ging allein weiter.
Der Hund war inzwischen zu einer Quelle gelangt, wo die Tochter des Königs - eben jenes Mädchen - sich wusch. Der Hund kommt und sieht ein zum Trocken ausgelegtes Tuch. Er wälzt sich in einer Schlammpfütze und danach über das Tuch. Als das Tuch völlig verschmutzt war, legte der Hund sich zum Trocknen nieder.
Als das Mädchen kam und das sah, wurde sie zornig:
- Bé! Von wem ist dieser Köter, der mir das Tuch beschmutzt hat, mir, Naninquiâ?
Sofort erhob sich der Hund und begann zu laufen, um seinem Herrn den Namen des Mädchens mitzuteilen. Aber auf dem Weg fand er einen Knochen und bummelte ein bißchen. Als er wieder zu Füßen seines Herrn stand, fragte ihn dieser:
- Also, wie heißt sie?
Der Hund dachte gut nach, aber er konnte sich nicht mehr erinnern.
Er kehrte noch einmal an den gleichen Ort zurück, wo das Mädchen war, und beschmutzte abermals das Tuch, nur um wieder zu hören:
- Also, wenn ich den Herrn dieses Hundes erwische, weiß ich gut, was ich mit ihm tun werde. Schon zum zweiten Male hat er mir das Tuch verschmutzt, mir, Naninquiâ!
Der Hund, kaum hatte er den Namen vernommen, lief gleich los. Diesmal hält er sich nicht lange auf. Er läuft direkt zum Herrn:
- Ihr Name ist Naninquiâ.
Zu dieser Stunden gingen im Haus des Königs die Männer ein und aus:
- Sie heißt Sábado, sie heißt Ninthé … Ihr Name ist Fatumata, sie heißt Segunda … Jeder versucht sein Glück.
Der Mann kam und sagte:
- Sie heißt Naninquiâ!
Er ergriff das Kletterseil, die Corda, und erstieg damit die Kokospalme, wobei er das Lied von
Naninquiâ sang:
  
Naninquiâ oohNaninquiâ ooh …
   ihr Name ist
Naninquiâ
Auf dem Gipfel der Kokospalme war ein Schatz, den der König dort versteckt hatte. Der Mann stieg mit diesen Reichtümern herunter und überreichte sie der Braut. Da sagte der König:
- Hier hast du das Mädchen. Du bekommst einen Teil Teil dieses Dorfes als Königreich. Niemand hat dich übertroffen, denn du hast ihren Namen erraten, deshalb wirst du sie heiraten.
Das Brautpaar unternahm eine Reise.
Als sie an jener Quelle vorbeikamen, trafen sie die weise Frau, die den Mann fragte:
- Nun, hast du es geschafft?
Der Mann antwortete:
- Ja. Da ist sie.
Die weise Frau sagte weiter:
- Streiche mit der Hand über meinen Rücken.
Der Mann tat es.
- Die andere Hand.
Der Mann strich noch einmal.
- Die Füße.
Der Mann rieb auch mit den Füßen, einen nach dem anderen.
Als er damit fertig war, hatten Finger und Zehen wieder ihre Form. Da sagte die Alte:
- Gut, … du kannst gehen.
Als er bei seiner Frau ankam, erkannte sie ihn nicht mehr.
- Aber … du bist nicht mein Mann.
Der Mann sagte:
- Natürlich bin ich es. Kannst du es nicht sehen?
Die Frau bestand darauf:
- Es kann nicht sein, du bist es nicht. Mein Mann hatte keine Finger.
Der Mann erklärte, daß die Finger an ihren Platz zurückgekehrt seinen. Da glaubte die Frau ihm.
- Ahn! Also bist du es wirklich. Gehen wir.
Sie gingen weiter bis zu jenem Ort, den sie zum Wohne gewählt hatten. Niemals litten sie irgendeinen Mangel.

Die Schlange ist wieder der Irão des Ortes.
Das Mädchen darf die Entscheidung über ihren Gatten nicht selbst treffen.
Die eigentliche Prüfung aber erfolgt durch den Irão. In Gestalt einer leprakranken Frau prüft sie die jungen Männer. Die Opfer der Lepra ohne Finger und Zehen waren auch in den 1980er Jahren noch ein alltäglicher Anblick im Lande.
Dafür gewinnt der Auserwählte alles: die Braut, Gesundheit, den Schatz (Kokospalmen sind ein Schatz) und die Herrschaft.
Der König ist wenig mehr als der Dorfälteste, dessen Tochter die Kleidung selbst wäscht.





Der Löwe ist mein Vater

Eine schwangere Frau ging Johannisbrot sammeln am Rande des Dorfes, das Johannisbrotwald genannt wurde.
Sie gebar dort unter einem Strauch einen Sohn. Sie gebar, richtete alles, aber als sie ihren Sohn holen wollte, fand sie ihn nicht an dem Platz, wo sie ihn gelassen hatte. Sie suchte, suchte bis zur Erschöpfung, aber sie fand ihn nicht.
Der Löwe war nämlich jagen gegangen und hatte den Sohn dieser Frau gefunden. Er nahm ihn und brachte ihn zu seinem Haus, um ihn aufzuziehen. Sogar einen Namen gab er ihm: Djanflé.
Jeden Tag beschaffte der Löwe Fleisch, um es ihm zu geben. Der Junge aß nur Fleisch.
Ein Fischer, der nahe am Haus des Löwen vorbeikam, sah den Jungen und erzählte es der Mutter. Die Frau bekleidete sich ganz mit Gras, um sich dem Haus des Löwen nähern zu können. Sie kam, sah denliegenden Jungen und rief ihn an. Sie begann ihn auszufragen:
- Wer ist dein Vater?
- Es ist der Löwe.
Da sagte die Mutter zu ihm:
- Hör zu, an einem Tage, an dem der Löwe sehr weit auf die Jagd geht, so weit, wie von hier nach Mansoa, komme ich und rufe, um dich zu holen.
Eines Tages ging der Löwe auf eine weite Jagd und ban ein Cri-Cri, ein Amulett, um das Handgelenk des Jungen.
Die Mutter bekleidete sich wieder mit Gras, um ihn zu holen. Sie kam, nahm den Jungen und sagte ihm, er solle das Cri-Cri, das der Löwe ihm um die Hand gebunden hatte, dortlassen. Sie nahm es und warf es fort.
Kaum sind sie zu Hause angekommen, erscheint auch der Löwe. Die Tage vergehen, der Junge ist schon eine Woche im Haus seiner Mutter, und er hat noch kein Essen berührt, nichts gegessen und nicht getrunken.
Während dieser Tage lag der Löwe hier draußen an der Quelle und wartete. Da hörte er die Mutter zum Jungen sagen:
- Du scheinst selbst ein kleiner Löwe zu sein.
Der Löwe hörte es, verstand, was sich ereignet hatte, und war glücklich. Er brachte ein großes Stück von einer Gazelle, um es Djanflé zu geben, der eben nur Fleisch essen konnte …
Der Löwenjunge.

Die Geburt im Busch ist nicht alltäglich; der Junge erhält daher auch einen ungewöhnlichen Namen, der etwa "Es war hier" bedeutet. Die Umgebung bestimmt die Lebensgewohnheiten der Menschen.
Schwangere setzen ihre Arbeit bis zur Geburt und auch kurz danach fort. Geburten auf den Feldern z. B. sind häufig.



Geh schnell zu Ntchanha!

Ein Mann hatte einmal zwei Frauen, und jede von ihnen hatte einen Sohn. Eines Tages starb eine von ihnen, und die andere hatte den Sohn zu versorgen. Sie begann ihn mit jedem Tag mehr zu quälen, weil es nicht ihr eigener Sohn war. Selbst in der größten Hitze schickte sie den Jungen mit einem riesigen Krug zur Quelle, um Wasser zu holen.
Er schaffte es, weil ihm an der Quelle der
Irão half, den Krug aufzunehmen.
Eines Tages, als er wieder einmal zur Quelle kam, um Wasser zu holen, sah er den
Irão nicht. Er mußte den Krug allein aufnehmen, ließ ihn fallen, und er zerbrach.
Als er zu Hause ankam, mußte er sagen:
- Mama, ich bin zur Quelle gegangen, konnte den Krug aber nicht heben, er ist gefallen und zerbrochen.
Die Frau antwortete ihm:
- Geh sofort zum Haus von Ntchanha. Sofort!

Der Junge ging und sang auf dem Wege:
   Ntchanha Ntchanha silobemintó
  
Ntchanha Ntchanha silobemintó
   silobemansó cunan silobemintó
   até tanfé maladimburi
   até tanfé maladimbó
Da traf er eine Gazelle, die ihm sagte:
- Du wirst Glück haben.
Der Junge ging weiter, und kurz vor dem Hause von Ntchanha begann er wieder zu singen:
   Ntchanha Ntchanha silobemintó
  
Ntchanha Ntchanha silobemintó
   silobemansó cunan silobemintó
   até tanfé maladimburi
   até tanfé maladimbó
Mit diesem Lied in der Mandingasprache bat er die weise Frau um den richtigen Weg und um einen neuen Krug.
Er erblickte ei
ne Frau, deren Rücken ganz mit Austern besetzt war, die sich an der Quelle wusch.
Der Junge ging näher:
- Guten Tag!
Die Frau - es war Ntchanha - antwortete:
- Guten Tag. Komm her und reib mir den Rücken ab.
Der Junge zögerte nicht. Er begann, ihr den Rücken zu reiben und schnitt sich die Finger ab.
Da sagte die Frau zu ihm:
- Schwenke die Hand im Wasser.
Er tauchte die Hand ins Wasser, schwenkte sie, und die Finger kehrten an ihren Platz zurück. Da sagte die Frau:
- Gut, gehen wir ins Dorf.
Dort im Dorf gab ihm die Frau Reis zum Stampfen und zum Kochen. Für die Zubereitung des Essens gab sie ihm auch rotes Palmöl.
Währenddessen fühlte die alte Frau die Ankunft ihres Sohnes, der nie jemanden im Haus sehen wollte.
Sie griff nach dem Jungen, verwandelte ihn in eine Bank und setzte sich darauf.
Kaum tritt der Sohn ein, wendet er sich an seine Mutter:
- Mutter, hier riecht es übel nach einem Sünder.
Die Mutter stellte sich verwundert:
- Niemand ist hier vorbeigegangen.
- Ahan, Mama, ich glaube nicht, daß du die Wahrheit sagst.
- Es ist so, wie ich sage..
Wenig später machte sich der Sohn wieder auf den Weg und verschwand.
Da verwandelte die Frau die Bank wieder in einen Jungen und holte zwei Eier, die beim Schütteln verschiedene Geräusche machten: Eines machte dun dun dun und das andere buli buli buli. Sie gab dem Jungen die Eier und sagte ihm:
- Wenn du die Hälfte des Weges hinter dir hast, wirf das weg, das dun dun dun macht, nur das andere, das buli buli buli macht, nimmm mit dir und zerbrich es erst, wenn du zu Hause ankommst.
Der Junge machte es so. Nach der Hälfte des Weges warf er ein Ei weg, bewahrte nur das andere, das buli buli buli machte, und zerbrach es erst, als er zu Hause ankam.
Bald begannen aus dem Ei Reichtümer aller Art zu kommen: Läden, Kneipen, Gärten … Es gab nichts, was nicht aus diesem Ei kam, nur Reichtümer, Dinge, die dazu dienten, daß jedermann reich
werden konnte.
Der Junge schaute nach seiner Mutter, der Stiefmutter:
- Mama, willst du einen Garten, willst du einen Ausschank oder möchtest du einen Laden? Du brauchst nur zu wählen …
- Ich will einen Garten.
Der Junge nahm einen Garten und gab ihn ihr.

Im Criol-Text heißt es zu Beginn: "Zwei Frauen waren konbasas" - ein afrikanisches Wort, für das es keine porutugiesische oder deutsche Entsprechung gibt. Es bezeichnet Frauen, die mit dem gleichen Manne vermählt sind.
Die Gegend ist bekannt für ihre Tonkrüge.
Böses wird hier mit Gutem vergolten. Verschenkt werden keine eigentlichen Reichtümer, sondern Dinge, mit denen man sich das Leben durch Arbeit erhalten kann.
Ntchanha ist der Irão
des Ortes.


 
Schaut gut auf diese Taube!

I
Eine Schlange gebar ein wunderschönes Mädchen. Das Mädchen wuchs auf, und alle Männer begehrten es.
Die Schlange hatte ein Reisfeld. Dorthin brachte sie Leute, die für sie arbeiten mußten. Und sie arbeiteten, arbeiteten und arbeiteten ununterbrochen für sie.
Eines Tages schickte die Schlange einen von ihnen zur Quelle, um Wasser zu holen. Als er ankam, wurde er verzaubert vom Gesant einer Taube:
   Niqui-dici niqui-dici
   tundiruntú
   tundiruntú
   tundiruntú
Und er begann zu tanzen. Er tanzte, tanzte und tanzte.
Die Schlange wartete, wartete und wartete … Sie wurde zornig und schickte zwei weitere Männer los, nicht ohne ihnen aufzutragen, sich mit einem tüchtigen Stock zu versorgen und den Körper des Mannes zu züchtigen, der kein Wasser von der Quelle gebracht hatte.
Die Männer brachen einen Stock, banden ihn mit einem zweiten zusammen und nahmen ihn in die Hand. Als sie an der Quelle ankamen, fragten sie, was sich ereignet habe. Der Mann antwortete nicht, sondern tanzte nur. Sie gingen mit den Stöcken in der Hand auf ihn zu, und abermals hörte man das Lied der Taube:
   Niqui-dici niqui-dici
   tundiruntú
   tundiruntú
   tundiruntú
Und die Männer begannen zu tanzen.
Die Schlange schickt vier weitere Männer los. Diesmal gibt sie den Befehl, die drei anderen zu fesseln und ihnen eine tüchtige Tracht Prügel zu verpassen. Sie sagt noch: "Ihr könnt euch nicht vorstellen, was los ist, wenn ich selbst dorthin kommen muß; bleibt nur alle im Busch."
Diese vier, bevor sie die anderen sehen, hören die Taube:
   Niqui-dici niqui-dici
   tundiruntú
   tundiruntú
   tundiruntú
Und die Männer beginnen sofort zu tanzen. Alle tanzen, tanzen und tanzen.
Als auch alle anderen zur Quelle gekommen waren, einer nach dem anderen, sah die Schlange sich allein. Sie greift nach Speer, Buschmesser, Beil und Waffe, legt alles auf den Rükcne und geht los. Auf dem Weg sagt sie, daß sie alle töten wird, weil sie kein Wasser bringen wollen. Da schickt man sie zur Quelle, und sie bleiben dort sitzen und schwatzen. Aber sie werden jetzt sehen, was sie davon haben.
Als sie an der Quelle ankommt, noch bevor sie den Mund öffnen kann, hört sie das Lied der Taube:
   Niqui-dici niqui-dici
   tundiruntú
   tundiruntú
   tundiruntú
Und selbst die Schlange reiht sich in den Tanz ein. Und sie tanzte mit ihnen, tanzte mit allen, tanzte, tanzte, tanzte…
Nach einiger Zeit besann sie sich und befahl, die Taube zu fangen. Wem es gelänge, sie zu greifen, dem wolle sie ihre Tochter geben, die sie zu Hause hätte und die alle jungen Männer verehrten. Wer die Taube greife, der solle ihre Tochter heiraten.
Es gab dort einen Mann mit Elefantenkrankheit und Wunden am Körper.
Plötzlich erhob sie die Taube und flog los. Und alle ihr hinterher, mitten durchs Gestrüpp.
Jedesmal, wenn der Mann sich an den Zweigen verletzte und sich zu stützen versuchte, stießen sie ihn und sagten:
- Nicht einmal wir Gesunden schaffen es, sie zu fangen. Wieviel weniger du, der du voller Krankheit steckst …
Und bevor er Zeit hatte zu entkommen, gab ihm der eine eine Ohrfeige, der andere einen Fußtritt, und der Mann fiel mit den Händen auf den Boden. Sie fahren fort, ihn zu schlagen, und der Mann muß ertragen, was er nur kann. Und alle rennen weiter, so schnell sie nur können, hinter der Taube her.
Die Taube ist schon erschöpft, fliegt einen Bogen und landet direkt neben dem Mann. Und so kommt es, daß er kranke Mann es schafft, die Taube zu greifen.
Danach geht er zum Haus der Schlange, um die Taube zu übergeben.
Die Schlange sagt ihm:
- Jetzt wird der gegenseitige Neid aufhören, weil ich demjenigen, der die Taube gefangen hat, meine Tochter zu heiraten gebe.
Sie holte ihre Tochter und gab sie ihm. Und sie gab ihm auch einen Teil der Welt zum Regieren.
II
Sie heirateten und hatten einen Sohn, sehr hübsch.
Eines Tages fiel dem Mann ein, Leute aus anderen Gegenden zu holen, damit sie beim Gesang der Taube tanzen können. Er nahm die Taube, steckte sie in eine Kiste und ging los.
Wenn sie im Haus die Taube hören wollten, gabe sie der Kiste einen kleinen Stoß und lauschten: Da begasnn sie zu singen. Es genügte, die Kiste ein wenig zu rütteln, und die Taube sang, bis man genug hatte. Das brachte die Frau dazu zu sagen:
- Ach, diese Taube hat sich schon an das Haus gewöhnt.
Sie nahm die Taube heraus, und diese blieb neben der Kiste sitzen.
Die Taube sang und sang, und die Frau tanzte mit ihrem Sohn.
Inzwischen erzählte der Mann, der auf der Suche nach Bewohnern anderer Gegenden war, die Geschichte von einer Tabe mit einem ganz besonderen Tanzgesang. Und er lud von allen Seiten Leute ein in sein Haus, wo man zur selben Zeit schon das Schlachten einiger Schweine für das Fest vorbereitete.
Inzwischen sang im Haus die Taube weiter, und die Frau und der Sohn hörten nicht auf zu tanzen - vor, zurück, immer im Tanz. Die Taube sang weiter, flog auf den Tisch und fuhr fort zu singen. Und die zwei begeisterten sich immer mehr am Tanz und achteten nicht mehr auf die Taube, weil sie sicher waren, daß die Taube sich an das Haus gewöhnt hätte und nicht wegfliegen würde.
Immer noch singend, flog die Taube zum Fenster. Sie beginnt selbst zu tanzen. Plötzlich, mit einem Schwung, fliegt sie auf einen Mangobaum.
Die Frau erschrickt. Sie läuft hinterher, um sie zu greifen, und die Taube fliegt weiter.
Die Frau und der Sohn gehen der Taube nach. Am Ende der langen Verfolgung sehen sie einen anderen Vogel, einen Djambatutu. Sie gehen dem Djambatutu nach, fangen ihn und bringen ihn nach Hause. Sie stecken den Djambatutu in die Kiste der Taube und verschließen sie sofort mit dem Schlüssel.
Als der Mann nach Hause kam, war das erste, was er tat, das Töten der Schweine zu befehlen. Er dachte nicht daran, an die Kiste zu gehen und nachzuschauen, ob die Taube noch da war. Er befahl, die Speisen zuzubereiten, alle Leute aßen, legten ihre Festkleidung an und trugen die Möbel auf die Straße, um Platz für die Tanzenden zu schaffen. Danach zündeten sie die Laternen an. Der Mann fragte, ob alles ausgeräumt sein. Sie bejahten, und da sagte er:
- Meine Damen und Herren … Jetzt Achtung!
Er schnippte ein paarmal gegen die Kiste: pup pup pup.
Stille.
- Aber was ist mit der Taube?
Er gab der Kiste noch einige Stöße und rief:
- Taube, sing los!
Der Mann trommelte auf die Kiste, aber von innen hörte man nur:
- Tu tu tu tu …
Er wendet sich an die Frau:
- Nun sag bloß noch, du hast ihr etwas zu fressen gegeben!
Die Frau antwortete:
- Mbéh! Den ganzen Tag haben wir ihr Wasser gegeben, wir haben ihr alles gegeben, sie ist satt vom Fressen.
Er drängt den Sohn:
- Ihr habt ihr bestimmt kein Futter gegeben.
- Ich habe selbst mit dem Finger ein Loch gebohrt, um nachzusehen, habe Essen hineingestellt, sie hat gegessen und Wasser getrunken. Sie könnte singen, aber sie ziert sich.
Der Mann wandte sich zur Kiste:
- Taube, sing!
Von drinnen hörte man nur:
- Tu tu tu tu …
Der Mann öffnet die Kiste und ist überrascht von der Länge der Schwanzfedern der Taube.
- Aber wie kommt denn das?
Erst jetzt entschließt sich der Sohn, dem Vater zu erzählen, was sich ereignet hat. Wie er und seine Mutter zu Hause geblieben waren, wie sie die Taube herausgenommen hatten und die Taube immer gesungen hatte, wie er mit der Mutter getanzt hatte, immer nur getanzt, vor und zurück, wie die Taube weiter gesungen und sich dem Fenster genähert hatte, immer singend, vom Flug auf den Mangobaum und der Verfolgung hinter der Taube her, wie sie den anderen Vogel erwischt hatten, der doch auch sehr hübsch sei und zufällig auch sehr schön singt …
Der Mann wollte es nicht glauben. Er ging mit Schlägen auf die Frau los. Sie schlugen und kratzten sich.
Die Schande des Mannes war so groß, daß er nicht wußte, wie er mit ihr leben sollte. Er ging aus der Tür, ohne jemandem etwas zu sagen, gebeugt von der Schande. Er machte sich auf den Weg, und niemals hat ihn jemand wieder gesehen.

Das ist eine Legende von der Macht der Musik, der alle unterliegen, Herren wir Untertanen. Und wieder einmal hat der Letzte, der Kranke, Glück - und wieder ist es die Frau, die Schande verursacht.


 

Das waren Sara und Demba

Ein Mann und eine Frau hatten zwei unterschiedliche Söhne. Einer hieß Sara, der andere Demba. Demba war der ältere, Sara der jüngere.
Beide wuchsen im Haus ihrer Eltern in Armut auf.
Eines Tages erkrankte der Vater. Er befahl, Sara, den jüngeren, zu rufen, und sagte ihm:
- Ich möchte dir etwas sagen, weil man nie weiß, wenn der Tod an die Tür klopft.
Der Vater wollte sagen: "Sara, höre immer auf die Ratschläge deines älteren Bruders." Dem Tode schon nahe, verwirrte er sich und sagte schließlich: "Sara, höre nimmer auf die Ratschläge deines älteren Bruders."
Kaum hatte er das gesagt, konnte er nicht mehr sprechen, und es dauerte nicht mehr lange. Der Junge aber behielt jene Worte im Gedächtnis.
So blieben sie mit ihrer Mutter einige Zeit allein, bis eines Tages auch sie erkrankte. Als sie sich immer schlechter fühlte, rief sie Sara und sagte ihm:
- Sara, ich möchte dir etwas sagen, weil niemand vom Sterben Genaues weiß.
Und sie wollte sagen: "Folge immer deinem älteren Bruder." Sie war verwirrt und sagte: "Folge nimmer deinem älteren Bruder."
Und so, wie es mit dem Vater geschah, geschah es auch mit der Mutter. Sie bekam immer stärkeres Fieber, und es dauerte nur noch kurz Zeit.
Am Morgen, als sie sich von der Matte erhoben, rief Demba seinen Bruder:
- Sara, jetzt wir allein. Es ist Zeit, nach dem Haus unserer Eltern zu sehen.
Sara antwortete:
- Mein Vater und meine Mutter haben mir geraten, niemals dem zu folgen, was du mir sagst. Jetzt bin ich sicher, daß ich nicht hierbleiben werde; ich gehe los und werde durch die Welt wandern.
Und er erhob sich und sagte dabei:
- Ich gehe durch die welt, ich kann nicht hierbleiben.
- Sara, laß uns nicht gehen, laß uns hierbleiben und auf das Erbe unserer Eltern achten, auf das Haus und das Vieh, das hier ist. Wenn du gehst, was soll ich da tun?
- Nein, ich gehe los. Ich gehe, weil mein Vater und meine Mutter mir geraten haben, nie dem zu folgen, was du sagst.
Und im gleichen Moment nahm er Buschmesser und Beil und ging los. Als das der ältere Bruder sieht, begreift er, daß er es nicht ändern kann, allein kann er auch nicht bleiben, und er folgt Sara.
Sie gehen, gehen, gehen, bis sie an das Haus einer alten Frau kommen, die sehr viel Vieh hat. Die Alte hat von allem: Enten, Kühe, Schafe, Hühner. Sie lebt allein in diesem Haus, sie hat keine Kinder, sie hat niemanden.
Bei der Ankunft ging Sara dem Bruder voraus und sprach mit der Alten:
- Wir wandern durch die Welt. Wir haben weder Vater noch Mutter, wir haben niemanden.
Die Frau antwortete:
- Meine Söhne: Euch hat Gott gesandt. Ich lebe hier allein mit all diesen Tieren, ohne jemanden, der mir hilft, sie zu hüten und zur Weide zu führen; oft laufen viele davon und kommen nicht zurück, ich werde sie noch verlieren. Daß ihr gekommen seid, ist für mich, als wäret ihr meine Söhne; jetzt werdet ihr euch um die Tiere kümmern.
So blieben sie im Haus dieser Frau, und in der Nacht schliefen sie schon dort. Sara erhob sich erst zwei Tage später. Die weise Frau sagte zu ihm:
- Du gehst früh mit den Tieren los und führst sie auf die Weide. Am Abend, wenn du zurückkehrst, vergiß nicht, alle zu sammeln.
Sara tat alles, was die weise Frau ihm befohlen hatte.
In der Dämmerung sammelte er alle Tiere. Sie aßen zu Abend, unterhielten sich noch ein bißchen und legten sich nieder.
Als alles schlief, erhob sich Sara. Er ging hinaus, nahm das Buschmesser und begann die Tiere zu töten. Von jeder Art ließ er nur ein Paar übrig. Nachdem er alle Tiere getötet hatte, ging er seinen Bruder zu wecken.
- Höre, Demba! Ich gehe los. Ich habe eben alle Tiere der alten Frau getätet.
- Ai, Sara, du wirst mich noch umbringen! Wir sind hierhergekommen, die alte Frau hat uns wie Söhne behandelt, und du tötest ihr alle Tiere …
- Mein Vater und meine Mutter haben mir gesagt, daß ich nie auf das hören soll, was du mir sagst.
Und während er das sagte, ging er los.
Der ältere Bruder konnte nich allein bleiben. Wäre er unter diesen Umständen geblieben, hätte die alte Frau befohlen, ihn zu töten. Er folgte Sara.


 
 
Sie gingen, gingen und gingen die ganze Nacht hindurch. Am Ende des langen Weges kammen sie in ein Gebiet, wo sie einen Alten trafen. Der alte Mann hatte viele Tiere. Es gab keine Sorte Vieh, die der Alte nicht gehabt hätte.
Sar ging auf ihn zu, begrüßte ihn und begann zu reden:
Weiser Mann, wir sind hier nach einem langen Weg angekommen und sind auf einer Wanderung durch die Welt, denn unser Vater und unsere Mutter sind gestorben, und wir haben niemanden.
Der Alte antwortete:
- Ah, meine Söhne, es war Gott, der euch hierher schickte. Ich bin schon müde, sehr müde mit all diesem Vieh. Ich bin hier und weiß nicht, was ich machen soll, wer ihnen das Futter hinwerfen wird, ich habe nicht einmal jemanden, der sie tränkt. Deshalb bin ich sehr froh, daß ihr gekommen seid, und empfange euch wie Söhne. Ich möchte nur, daß ihr euch um die Tiere kümmert.
Alle waren damit zufrieden.
Am folgenden Morgen, gleich nach der Morgenröte, holten sie das Vieh, um es auf die Weide zu bringen; sie kamen ins Haus und aßen zu Mittag; kaum hatten sie gegessen, zogen sie mit den Tieren zur Tränke. Am Nachmittag brachten sie sei an den gewohnten Platz zurück. Sie aßen zu Abend und gingen in die Hütte, um sich hinzulegen.
Nach einem Weilchen erhob sich sara, ohne seinem Bruder etwas zu sagen. Er griff nach dem Buschmesser und begann die Tiere zu töten. Er tötete, tötete und tötete und ließ von jeder Tieerart nur ein Paar am Leben. Als er fertig war, ging er, seinen Bruder zu rufen.
- Höre, Demba, steh auf, denn ich gehe fort. Ich habe eben alle Tiere des Alten getötet.
Der ältere Bruder schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und ruft:
- Was hast du getan?
- Ich habe die Tiere getötet. Wenn du bleiben willst, bleibst du allein, denn ich gehe los. Wenn du bleibst, weißt du ja, was sie mit dir machen. Mich bekommen sie nicht mehr zu Gesicht, denn ich gehe jetzt los.
Und er machte sich auf den Weg. Als er ging, konnte Demba nicht bleiben. Und er ging hinter seinem Bruder her.

Nachdem sie lange gegangen waren, kamen sie in ein weit entferntes Gebiet. Sie wußten nicht mehr, wo sie waren.
Es war ein Land, in dem es niemals Sonne gab. Sie kamen an das Haus eines Alten, dem Sara erzählte, daß sie weder Vater noch Mutter hätten und daß sie bei der Wanderung durch die Welt hier angekommen wären. Der Alte nahm sie auf, und nur ein Mann sah sie, als sie in jenes Haus eintraten.
Sie legten sich schlafen. Aber in jemen Land gab es ja keine Sonne. Deshalb schliefen und schliefen sie, solange sie Müdigkeit verspürten.
Ihnen tat schon der Rücken vom langen Liegen weh, und die Sonne war nicht erschienen. Da wandte sich Sara abermals an seinen Bruder:
- Weißt du weiter? Ich habe es satt, hier zu liegen, mir tut schon alles weh, und noch immer ist Nacht. Ich stehe auf, um nachzusehen, warum in diesem Lande die Sonne nicht aufgeht.
- Warte, Sara! Wir sind in dieses Land gekommen und haben erfahren, daß hier die Sonne nicht aufgeht. Laß es lieber sein! Wenn wir genug haben, stehen wir auf und gehen los.
- Mein Vater und meine Mutter haben mir gesagt, daß ich nicht tun soll, was du mir sagst.
Sara erhob sich und ging in den Busch, um herauszufinden, was den Aufgang der Sonne verhindert.
Demba erhob sich bald darauf und ging hinter ihm her.
Sara ging, ging und ging und entfernte sich weit vom Dorf. Nach einiger Zeit erblickte er etwas in der Ferne, noch weit entfernt.
Er ging näher, und es war nuer Feuer an dem Ort, wo die Schlange war, die die Sonne verschlang.
Demba sah Sara vor diesem riesigen Feuer, doch er zweifelte nicht daran, daß es Sara allein gelingen würde, das Ungeheuer zu besiegen. Demba kannte Sara gut. Er wußte, daß er listig war.
Sara begriff schnell, daß er hier nicht "Mann gegen Mann" kämpfen konnte. Er begann ein Loch auf dem Weg zu graben, auf dem die Schlange zu kommen drohte. Er grub, grub und grub eine große Höhle mitten auf dem Weg. Als er mit dem Graben fertig war, holte er einige lange Äste, die er über das Loch legte. Danach bedeckte er alles mit trockenen Blättern.
Er versteckte sich und wartete.
Endlich näherte sich die Schlange. Dort kommt sie. Sie kommt immer näher, kommt bis an das Loch und stürzt sogleich bis auf den Boden der Grube.
Sara springt auf, mit dem gut geschärften Buschmesser in beiden Händen, und beginnt der Schlange Hiebe zu versetzen. Er schlägt und schneidet, versetzt ihr einen Hieb nach dem anderen und ruht nicht eher, als bis die Schlange sich streckt und kein Lebenszeichen mehr von sich gibt. Als die Schlange völlig tot ist, schneidet er ihr den riesigen Kopf ab, nimmt ihn auf den Rücken und macht sich auf den Weg zum Haus.
Er kommt an, legt den Kopf der Schlange auf den Boden und ruft den Bruder:
- Demba! Komm her, wenn du sehen willst, wer den Sonnenaufgang in diesem Lande verhindert hat.
Am Ende der vielen schlaflosen Tage ließ er sich mit Buschmesser und Kleidung erschöpft auf das Bett fallen.
Und sie bleiben dort. Nach einiger Zeit singt der Hahn und beginnt zu krähen. Allmählich wird es heller, bis es völlig Tag ist. Schließlich können die Leute in diesem Land einander sehen.
Der König dieses Landes sieht den hellen Tag und ist verwundert. Er nimmt sofort das Bombolom und beginnt vom höchsten Punkt des Hauses aus zu trommeln. Er will, daß alle Leute des Gebietes sich versammeln uind sich darüber klar werden, was den Sonnenaufgang in diesem Lande bisher verhindert hat.
Die Leute beginnen zu erscheinen, immer mehr, bis sie das Haus des Königs füllen. Auch der Platz füllte sich mit Menschen. Da sagte der König:
- Ich habe euch nicht umsonst rufen lassen. Ich habe euch rufen lassen, weil ich, seit ich auf die Welt kam - ich wurde in der Dunkelheit geboren, wie ihr wißt - immer im Dunkel aufwuchs, bis zum heutigen Tage, an dem die Sonne erschien. Ich selbst hörte aus dem Munde meiner Großeltern, daß sie von der Geburt bis zum Alter niemals etwas von der Sonne gesehen hätten. Es muß etwas geschehen sein, wenn sie sich heute gezeigt hat. Wenn hier jemand etwas weiß, soll er es erzählen...
Er fragt diesen, er fragt jenen...  Nichts. Niemand gab zu erkennen, daß er etwas wußte.
Bis jener Mann erscheint, der gesehen hatte, wie Sara in das Haus des Alten eingetreten ist, und sagt;
- Herr König, vor einigen Tagen sah ich zwei fremde Männer in das Haus dieses Mannes  eintreten.
Der König rief sofort zwei Boten:
- Geht zum Haus dieses Mannes und seht nach, ob diese Gäste noch da sind, wenn ja, bringt sie her. Die Boten gingen sofort. Sie kamen an das Haus des Alten und pochten an die Pforte, Demba, der es als erster hörte, fing gleich an zu zittern. Er rief sofort:
- Sara! Sara!                                                           -
Er rüttelte Sara, aber der hörte nach so vielen Tagen ohne Schlaf nichts und schlief tief. Demba rüttelte ihn weiter und zwang ihn, sich aufzusetzen:
- Steh' schnell auf, denn sie werden dich töten! Ich habe dich gewarnt. Wir sind in dieses Land gekommen, wo es keine Sonne gab. Was wolltest du hier finden? Schau, jetzt kommen sie dich holen. Ja, sie wollen dich holen. Ich gehe nicht, ich habe mit der Sache nichts zu tun.
Demba zittert immer mehr. Sara bleibt ruhig:
- Ich gehe. Mein Vater und meine Mutter haben mir gesagt, daß ich nie auf dich hören soll. Wenn sie mich töten, sorge dich nicht, du bleibst hier.
Sara erhebt sich, nimmt Beil und Buschmesser und geht hinaus. Er geht vor den Boten her bis zum Haus des Königs. Sie kommen an, und Sara wird vor den König gebracht, der ihm sagt:
- Ich war es, der das Volk hierher befohlen hat, denn ich bin es, der dieses Land beherrscht seit meiner Geburt - ich wurde im Dunkel geboren, wuchs auf im Dunkel, herrschte im Dunkel, wo die Sonne niemals aufging bis zum heutigen Tage. Deshalb war ich jetzt verwundert und befahl das Bombolom zu schlagen, um das Volk zu fragen, was. sich ereignet hat.
Als der König aufgehört hatte, antwortete Sara:
- Es ist wahr, Herr König, in allem habt Ihr recht. Wenn Ihr erlaubt, gehe ich zum Haus und komme gleich wieder.
Sara kam zum Haus und rief den Bruder:
- Demba, steh schnell auf!
- Ich stehe nicht auf. Ich gehe nicht. Wenn sie töten, sollen sie dich töten, du allein hast es wohl verdient. Sara versucht, Demba zu überzeugen, doch mitzukommen. Demba widersetzte sich weiter. Schließlich war es Sara müde, ihn zu drängen, er beschloß, allein zu gehen.
- Es ist gut, ich gehe allein.
Sara belädt sich mit dem Kopf des Teufels und geht. Als er zum Haus des Königs kommt, läßt er den Kopf auf den Boden fallen:
- Herr König, ich bringe hier den Kopf des Ungeheuers, das die Sonne verschlang. Mein Name ist Sara. Mein Bruder heißt Demba, aber er blieb in dem Haus, in dem wir wohnen. Er hat Angst zu kommen, weil er denkt, daß man ihn tötet, daß sie uns töten wollen. Als unsere Eltern gestorben waren, gingen wir los, um durch die Welt zu wandern. So kamen wir hierher und blieben im Haus jenes Mannes. Als wir uns niedergelegt hatten, schliefen wir lange Zeit, und die Sonne erschien nicht. Da sagte ich zu meinem Bruder: "Han, ich habe es satt, an diesem Ort zu liegen, wo es niemals tagte. Ich muß wissen, warum die Sonne in diesem Land nicht aufgeht. Ich habe es satt, hier herumzuliegen." Mein Bruder antwortete: "Geh nicht; wenn es hier keine Sonne gibt, dann laß es so, laß uns unser Leben leben." Aber ich wollte wissen, warum es keine Sonne gab. Deshalb ging ich los und lief, bis ich dieses Tier entdeckte, das die Sonne verschlungen hatte. Deshalb mußte ich diese Schlange töten. Hier ist der Kopf.
Der König bat die Boten, Demba zu holen. Sie brachten ihn, denn jetzt mußte Demba mitkommen, immer noch zitternd. Sie brachten ihn vor den König:
- Höre, Mann, du mußt keine Furcht haben, denn niemand will dier Böses tun.
Sie setzten sich, und der König bittet um Ruhe.
Alle schweigen, um den König sprechen zu lassen:
- Höre, Semba, ich weiß nicht, wie ich dich belohnen soll. Ich weiß wirklich nicht, wie ich dich belohnen kann. Nach meiner Meinung solltest du ab heute an meiner Stelle König sein und ich dein Adjutant, weil
ich nichts habe, womit ich dich belohnen kann. Du kannst über das ganze Dorf befehlen und tun und
lassen, was du willst, ich werde dein Gehilfe sein.
Sara antwortete: Ich habe noch nicht das Alter, um das zu tun. Ich kann nicht die Herrschaft
übernehmen und anfangen zu befehlen.
Der König:
- Es ist, weil ich nicht weiß, was ich für dich und deinen Bruder tun kann, um euch zufriedenzustellen.
- Um mich zufriedenzustellen, genügt es, daß der Herr König uns befiehlt, eine Treppe von hier bis zum Himmel zu bauen.
- Eine Treppe von hier bis zum Himmel?
- Nur das ist es, was ich will.
- Gut, Mit allem Volk, das ich habe, werde ich es versuchen.
Der König fügte nichts hinzu. Wenn er vorher das Bombolom stark getrommelt hatte, so schlug er jetzt noch stärker. Alle Menschen versammelten sich schweigend. Der König erzählte allen von der Bitte, die Sara getan hatte. Alle waren einverstanden.
Am folgenden Tag, gleich nach Sonnenaufgang, griffen alle nach ihren Werkzeugen: Buschmesser, Beile» alle Arten von Werkzeugen. Die Arbeit begann mit Schwung, alle fällten Bäume, um die Treppe zu bauen. Einige fällten Bäume, andere trugen das Holz. Es gingen und kamen Gruppen von Menschen von hier nach dort, um das Holz bereitzustellen. Inzwischen holten andere das Holz von den Stapeln und begannen die Leiter zu bauen. Als sie schon fast zur Hälfte fertig war, sagte Sara zum König:
- Herr König, wenn die Treppe weiter so bis zum Himmel wächst, kann ich Euch wirklich sagen, daß ich
noch niemals einen König gesehen habe, der sich mit Euch vergleichen könnte.
Das Volk baute weiter an der Treppe. Sie wuchs, wurde von Mal zu Mal größer, immer höher, bis sie fertig war.
Eines Tages war sie vollendet, und Sara sagte:
- Die Treppe ist fertig. Hier gibt es für mich nichts mehr zu tun. Ich gehe. Er nimmt Buschmesser und Beil und beginnt hinaufzusteigen, Demba immer hinterher, und sie beginnen zu steigen. Sie beginnen, den Weg zum Himmel zu gehen. Nach einer gewissen Höhe drehte Sara sich um und sagte zum König:
- Ich gehe weiter. Ich werde die Sonne sehen, die man hier nur von weitem sieht. Gleich, wenn ich angekommen bin, befehlt, die Treppe zu zerstören, und sie wird zusammenstürzen.
Danach verabschiedete er sich von allen. Der ältere Bruder verabschiedete sich ebenfalls. Viele klatschten in die Hände. Sara stieg, den Bruder immer hinter sich.
Es wurde mehr als einmal Nacht und wieder Tag, und sie stiegen immer höher. Endlich kamen sie an.
Sara trat ein, Demba trat ein. Auf der Erde durchschlugen sie die Leiter, die in sich zusammenzustürzen
begann; bruuumm!
Das ist die Geschichte von Sara und Demba, die im Himmel sind. In der Regenzeit, wenn man die
gro
ßen Gewitter hört, ist es immer noch der Lärm der zusammenstürzenden Treppe. Und Demba sagt immer zu seinem Bruder:                 
- Ruhig, Sara, langsam, Sara, langsam!
Und immer antwortet Sara:                                               -
- Mein Vater und meine Mutter haben mir gesagt, daß ich niemals auf das hören soll, was du sagst.
Er nimmt das Buschmesser und schlägt weiter, schlägt, Schläge nach allen Seiten, wohin er will, daß das Messer blitzt - ein Blitzstrahl - man kann das Wetterleuchten sehen. Und dort kommt das Unwetter. Es sind Sara und Demba, die im Himmel sind.




Eine märchenhafte Reise durch einige Orte der Insel bis schließlich zum Himmel. Biblische Motive (die Himmelsleiter) und solche der Volksüberlieferung vermischen sich. Naturerscheinungen werden sagenhaft erklärt.
Nach dem Tode der Eltern erheben sich Sara, und Demba von der Matte - ein Trauerritual: Auf der
Matte werden die Toten aufgebahrt. Das Erheben zeigt das Ende der Zeremonien an.

 

 

Nachbemerkung
Die Insel Bolama, von der diese Geschichten stammen, gehört zu Guinea-Bissau, einer ehemaligen
portugiesischen Kolonie an der Westküste Afrikas. Sie liegt zwischen den Bijagos-Inseln und dem
Festland und ist so afrikanisch, wie man sich das nur vorstellen kann: Palnen und Sandstrand,
Mangroven, Savanne und tropischer Regenwald - dazwischen die Dörfer der Afrikaner, weitgehend,
unverletzt von der Zivilisation.
Die Insel wird zu 80% vom Stamme der Bijagos bewohnt, bei denen oft noch matriarchalische
Gesellschaftsstrukturen herrschen, die allerdings auf der Insel Bolama weitgehend durch die
Männerherrschaft abgelöst worden sind. Dennoch spiegeln sie sich noch in einigen Geschichten. Man lebt
von Ackerbau., Jagd und Fischfang.
Die An Wesenheit der Portugiesen, die das Land ein halbes Jahrtausend lang besaßen, ohne es je zu beherrschen, hat die Insel kaum verändert, obwohl das winzige Hafenstädtchen Bolama für lange Zeit die Hauptstadt der Kolonie war, bis dann Bissau wegen seiner günstigeren Verkehrslage den Zuschlag erhielt. Seit dem Abzug der Portugiesen erobert die Natur die von ihnen erbauten Gebäude zurück. Das Leben der Afrikaner wird vom Rhythmus der Natur bestimmt, vom Wechsel zwischen Regen- und Trockenzeit, der über Leben und Tod entscheiden kann - wenn der Regen zu spät kommt oder zu schwach. Matt lebt in der Natur und mit ihr und ist Teil von ihr. Animismus ist daher die "natürliche“ Religion. Tiere und Pflanzen, Wasser und Wind sind auch Geister, "Irãos", oft mit sehr menschlichen Zügen,
"Junbai" bedeutet Geselligkeit, Unterhaltung. In einem Land fast ohne Massenmedien sind abendliche Gespräche und das Erzählen noch Information und Unterhaltung zugleich. Hier werden die Erfahrungen der Alten, Weisen und Mächtigen weitergegeben. Der Homens Grandes, der Könige, deren Wort noch gilt und deren Erlaubnis zum Besuch mancher Inselteile der Besucher auch heute noch einholen sollte.
Die hier aus dem Portugiesischen übersetzten Märchen wurden in Criol erzählt, einer keineswegs
einheitlichen Verkehrssprache (offizielle Landessprache ist Portugiesisch) in einem Land, in dem trotz
seiner geringen Größe mehr als ein Dutzend Stämme mit eigenen Sitten und Sprachen leben. Der Wortschatz besteht aus portugiesischen Wurzeln und solchen der Stammessprachen, Die Grammatik ist einfach, dennoch ermöglicht die Hilfssprache die Verständigung zwischen den Stämmen und wird immer reicher.
Gedruckt wurden die beiden Büchlein mit Märchen und Rätseln aus Anlaß des hundertjährigen Bestehens der kleinen Druckerei in Bolama im Jahre 1979. Diese Druckerei (dann bald geschlossen) war ein funktionierendes technisches Museum.
Die Märchen zeigen, wie eng verbunden wir sind mit den Menschen auf der Insel Bolama und ihren Sorgen und Freuden. Viele Motive lassen sich auch in unseren Märchen finden. Aber Natur und Menschen geben diesen Märchen ihre ganz eigene Art. "Die Menschen sind durch ihre Verschiedenheiten gleich." (William Blake)






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