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Kleines zu Kleist

Die Notizen sind zum größten Teil erstveröffentlicht in stimmings-inn.

Gefangenenbild
Da so genannte wurde gestern, am 2. April 2017, vom Literaturarchiv Marbach an die Stadt Frankfurt (Oder), genauer: an das Kleist-Museum, zurückgegeben.
Ich habe das Bild immer geschätzt. Es ist von einem Dilettanten gemalt, mit den Farben, die man in der Gefangenschaft zur Verfügung gehabt haben mag. Aber wird nicht gerade ein Dilettant das Auffallende, Bemerkenswerte an einem Porträt hervorheben? Die blauen Augen, die Haarfransen, das Lächeln?

Ach Ewald, lieber Ewald
Daß es um die Jahrhundertwende 19./20. Jh. Heinrich-von-Kleist-Ausgaben gab, denen das Porträt Achim von Arnims aufgeprägt war, ist seit langem bekannt. Auf dem Cottbuser Flohmarkt fiel mir eine der von Gisebrecht herausgegebenen Werkausgaben in die Hand (um 1900), der man ein Frontispiz mit dem Porträt des Dichters beigegeben hatte. Es zeigt aber seinen - ebenfalls dichtenden - Vorfahr Ewald, der als Offizier im Siebenjährigen Krieg ein ziemlich grausames Ende gefunden hat:


Kleists Vogel

Kleist-Parodien sind selten und greifen meist den tiefgegliederten Satzbau seiner Prosa auf. Sebastianus Segelfalter (i. e. Richard Müller-Freienfels) hat in seinem vergnüglichen Büchlein ›Die Vögel der deutschen Dichter‹ (Berlin: Herbig, 1947) den Versuch gewagt, auch Kleist das Volkslied ›Kommt ein Vogel geflogen‹ gestalten zu lassen. (Die Parodien reichen von Walther von der Vogelweide bis in die NS-Zeit, am Ende wird das Liedchen auch ›wissenschaftlich‹ kommentiert.)
Nun, das Buch enthält bessere Parodien, und so richtig kleistisch ist die Sprache wohl auch nicht. Aber mit Traum und Schlaf hatte er’s denn doch.
Kleists Vogel-Senderin war am Ende die Vogel, mit Vornamen Henriette. Sebastianus Segelfalter kennt wohl kaum noch jemand. Aber der Pseudonym-Geber, eben der Segelfalter, wurde 2004 Insekt des Jahres. »Nachruhm! Was ist das für ein seltsames Ding …«


Das Bettelweib von Gumbrecht

„Ich möchte das an einem sehr kurzen Text erläutern, dem Bettelweib von Locarno. Einer der Hauptprotagonisten [sic (protagonistas centrais)] dieser Erzählung ist der Marchese von Locarno, der in einem Schloß dieser schönen Stadt im Süden der Schweiz und im Norden Italiens lebt. Die Geographie ist Kleist stets sehr wichtig; er präsentiert geradezu ausschweifend präzise geographische Bezüge. Eines Tages, in einer für die romantische Literatur typischen Szene, erscheint im Schloß eine Bettlerin, und, ebenfalls typisch für die romantische Literatur, der Marchese verweigert ihr ein Almosen und erlaubt ihr nicht einmal, an der Schloßpforte zu übernachten. Bis zu diesem Moment – und es sind schon drei Viertel der Novelle verflossen – handelt es sich um eine absolut konventionelle Geschichte. Indessen, wenige Tage nach diesem ersten unerfreulichen Treffen, erscheint die alte Bettlerin während der Nacht im Schloß (was ebenfalls romantisch ist), aber es bleibt ungewiß, ob sie es in der Vorstellung oder der Realität tut, ob sie gestorben ist oder nicht, und es ereignet sich etwas typisch Kleistisches: Die Bettlerin beginnt den Saal geometrisch zu queren. Kleist liefert eine sehr präzise, gleichsam mathematische Beschreibung. Die Bettlerin quert diesen Großen Saal des Schlosses mehrere Male und beginnt ihn in Brand zu stecken. In den folgenden Nächten kehrt sie mit immer dem gleichen Effekt zurück und zerstört allmählich das ganze Schloß. Das Interessante ist, daß es von seiten des Marchese und seiner Familie keinerlei Reaktion gibt, weil sie wissen, daß sie dieser Zerstörung nicht widerstehen können – sie ist ein Schicksal. Am Ende stirbt die Familie des Marchese, im letzten Satz sagt der Autor: Bis heute kann man die Ruinen dieses Schlosses sehen.“
( Portugiesisch. Übersetzung: AP)
So Hans Ulrich Gumbrecht auf der ersten der três conferências über Heinrich von Kleist.
In: Floema (Bahia). Oktober 2008. S. 11f..
Wer Kleists Novelle Das Bettelweib von Locarno jemals gelesen hat, der schüttelt nur verwundert den Kopf über den Unsinn, den hier ein renommierter Wissenschaftler seinen brasilianischen Hörern zumutet.


Ein Herrenwitz

In seiner fundierten Biographie Ernst von Rüchels berichtet Olaf Jessen von einer „Entgleisung, die seinem [Rüchels – A. P.] Herrenwitz kein gutes Zeugnis ausstellt“. Bei Laukhard, auf den als Quelle verwiesen wird, ist nachzulesen, worin diese bestand:
Hr. von Rüchel versprach einmal einem Burschen einen Thaler, wenn er den Franzosen, nach Kostheim zu, den bloßen Hintern weisen wollte. Herr von Rüchel war damals von Wein etwas bescheniert. Der Bursche sagte ganz kalt: „Gern verdiente ich den Thaler: aber es schickt sich doch nicht, den Feind so zu behandeln.“ Herr von Rüchel, statt das zu fühlen, suchte fluchs einen andern, welcher für den Thaler, den Hintern entblößen, ihn den Franzosen hinweisen, und dazu rufen mußte: „Hier leckt mich im A—, ihr hunzföttischen Patrioten! kommt her, leckt! — Von diesem unanständigen Verfahren hat man sogar in Frankreich gesprochen. Auch ist es richtig, daß man durch dergleichen mehr sich als den Feind beschimpft. —
Sehr unwahrscheinlich, daß Kleist von dieser Entgleisung seines Generals nichts gehört hätte – in einem Militärlager wird getratscht wie auf dem Fischmarkt. Wahrscheinlich aber m. E. auch, daß er Laukhards Autobiographie gelesen hat, schildert sie doch Feldzüge (wie in diesem Falle die Belagerung von Mainz), an denen er selbst teilgenommen hat. Respekt übrigens vor dem ersten Soldaten, der das Ansinnen ablehnte. – Und vielleicht liegt ja in dieser Episode der Kern zu jener Anekdote, in der ein Soldat die Hosen herunterläßt und das Exekutionskommando auffordert, sie möchten ihn in den … schießen, damit das F… kein L… bekäme. – Vielleicht.
Jessen, Olaf: „Preußens Napoleon“? Ernst von Rüchel. Paderborn u. a.: Schöningh 2007. S. 145.
Laukhard, Friedrich Christian: Leben und Schicksale. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins. 5 Teile in 3 Bänden. Hier: Bd II, Teil 3, S. 383 f.


Frauen in Flammen

„Viermal“, so schreibt Ruth Klüger in ihrem Essay „Tellheims Neffe“ (in: Klüger, Ruth: Katastrophen. Über deutsche Literatur. München: dtv 1997. S. 164-189. Hier: S. 177), habe Kleist „das Motiv der Frau im brennenden Hause […] verwendet“ und führt den Findling, die Marquise, das Erdbeben und natürlich das Käthchen an. Fünfmal, darf man korrigieren, denn auch die Marquise von Locarno „sieht […] schon das Schloß ringsum in Flammen aufgehen“, bevor sie aus ihm flüchten kann.
Aber auch Männer gehen ja bei ihm durchs Feuer, wie Colino im Findling, oder werden hineingejagt wie der Knecht im Kohlhaas. Und all das Feuer in den Abendblättern! – Kleists Feuer wären eine Untersuchung wert – oder gibt es die schon?


Baronin Käthchen Degenhart mit Migrationshintergrund

Eine „Käthchen“-Variante besonderer Art liefert Gerhart Hauptmann in seiner Erzählung „Der Schuß im Park“ (in: Sämtliche Werke. Berlin: Propyläen 1996 (= Centenarausgabe, Sonderausgabe) Bd VI, S. 423-466). Der Ich-Erzähler besucht nach langen Jahren seinen Onkel, Abenteurer, lebensfroh, genießend und sterbend. Der wiederum berichtet von einer Begegnung in Ostafrika mit einem Baron Degenhart:
Eine gar nicht alltägliche Sache, dieser Baron Degenhart. Am zweiten Tage, den der Baron bei uns zubrachte – er blieb auch nachts bei uns im Zelt –, trat eine junge Farbige in Erscheinung. Sie suchte jemand und fragte nach ihm. Da niemand von uns Kisuaheli verstand und der Dolmetscher nicht zugegen war, konnten wir nicht herauskriegen, wen sie meinte. Bis dann der Baron aus dem Zelte trat und das junge Geschöpf mit dem blitzschnellen Sprung eines Panthers plötzlich zu seinen Füßen lag. Sie umklammerte seine Knie. „Sie ist so ein kleines Spielzeug von mir“, sagte er, zu uns gewandt, in einem brutalen und leichtfertigen Ton, der uns aufs äußerste mißfiel. „Ich habe die Kleine Käthchen genannt. Sie ist wirklich ein schwarzes Käthchen von Heilbronn. Sie klebt, man kann sie nicht loswerden. So hat sie mich nun auch wiederum aufgespürt. Ich bitte mich deshalb zu entschuldigen.“
Jahre später begegnet der erzählende Onkel dem Baron wieder, nunmehr liebevoller Gatte und zärtlicher Vater. Gesprächen über afrikanische Erinnerungen weicht er aus, erbleicht aber bei der Nachricht, daß „ein farbiges Weib, eine Art Negerin, mit einem zwölfjährigen Sohn, der heller ist als sie, die Gegend unsicher“ mache. Der Onkel begeht, wie er zu spät bemerkt, eine „taktlose Dummheit“, indem er das Glas erhebt und den Baron auffordert, „die Geschichte vom Käthchen von Heilbronn“ zu erzählen. Der Baron reagiert mit „scharfem und schnödem Ton“ und nennt das „Käthchen […]„ein ziemlich läppisches Drama von Kleist“. Für „dergleichen poetische Luftblasen“ interessiere er sich nicht.
Nun, er hätte gut daran getan, das Stück genau zu lesen und ernst zu nehmen und vielleicht auch noch C. F. Meyers Ballade „Mit zwei Worten“: Die Frau im Park ist natürlich das schwarze Käthchen, das sich bis hierher durchgehungert und -gebettelt hat; er versucht sie zu erschießen, sie wird verletzt gefunden und von der Baronin Degenhart gesundgepflegt. Bei ihr gefundene Papiere belegen, daß sie ebenfalls eine gesetzlich angetraute Baronin Degenhart ist. Der Baron verschwindet aus der Geschichte und der Welt, die beiden Baroninnen verbinden sich in „rührender Liebe“.
Goebbels gefiel die Geschichte wegen der „Rassenschande“ nicht, und er verweigerte das Papier für eine zweite Auflage. Heute dürfte der Begriff „Negerin“ Anstoß erregen. Aber Anstößiges wird immer gern gelesen.


Ein mattes Käthchen

Georg Brandes macht in den Kleist-Passagen seiner Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts (Berlin: Reiß 1924, 3 Bde, hier: Bd I S. 372) auf eine Käthchen-Verwandte aufmerksam: Nach Kätchens [sic] Bilde hat Henrik Hertz in Svend Dyrings Haus eine zartere und mattere Schilderung einer allüberwältigenden, unerwiderten Leidenschaft geformt. Anlaß und Anreiz, sich diese Romantische Tragödie (Hertz, Henrik: Gesammelte Schriften. Zweiter Theil. Leipzig: Lorck 1848) doch einmal anzusehen; Sie bot dann auch höchst vergnügliche Lektüre und in der Tat einige Käthchen-Versatzstücke.
Auch hier wird durch mystische Kraft eine Frau dem Geliebten untertänig: Ragnhild fängt einen mit Runen geritzten Apfel auf (das ist dann wohl das dänisch-nationelle Element, von dem der Übersetzer F. A. Leo im Vorwort spricht), der die Fangende dem werfenden Ritter verfallen läßt. Nur: Der Apfel war eigentlich einer anderen, ihrer Stiefschwester Regisse zugedacht, die – gemeinsam mit ihren kleineren Brüdern – der Tyrannei ihrer Stiefmutter unterworfen ist, die allerdings durch die Mitgift den bankrotten Ritterhaushalt gerettet hat und sich nun in Fehde sieht um ein Feld mit einem anderen Ritter, der durch die Heirat mit Ragnhild besänftigt werden soll. Die liebt ja aber nun den Apfelwerfer, läuft ihm nach, liegt ihm zu Füßen, liegt schlafend unter einem Busche, will Regisse vergiften, stirbt dann aber lieber selbst, und Regisse bekommt ihren Ritter auch ohne Obstverzehr.
Dazu Engel und Geistererscheinungen, der Wechsel von Vers und Prosa, der geplante nächtliche Überfall auf das Schloß – also, der Hertz (1798-1870) hat sein Käthchen wohl gelesen.

Wißt denn, ein Mann kann durch Runen verführen
Zur Liebe, und den strengsten Willen rühren.
Und das Mädchen, dem er die Runen geschrieben,
Das muß ihn ewig und immer lieben.
Und wollt‘ bis an’s Ende der Welt er reiten,
Sie würde ihm folgen, sie würd‘ ihn begleiten;
Und wollt‘ er verschließen durch Riegel sein Thor,
Sie käm‘ in der Nacht doch, und klopfte davor;
Und trät‘ er dann noch nicht zu ihr hinaus,
Dann zög‘ aus dem sie die Nägel heraus.
Und doch ist sie züchtig, verschämt und rein,
Nur ein Gedanke erfüllt sie allein –

Und beinahe kommt Hertz bis zur Penthesilea: Liebe und Haß / können nimmer getrennt sein – bedenke Das!


Grabbes Krug

Grabbe liebte volle Krüge, einen anderen aber mochte er wohl nicht: den Traugott Krug, Wilhelmine von Zenges Ehemann.
Im Lustspiel „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ bittet der Teufel den versoffenen Schulmeister um Kaffee-Lektüre für die endlich frühjahrsgeputzte Hölle: „[H]aben Sie vielleicht die Schriften des Professors Krug bei sich, insbesondere diejenige, welche den neuesten Stand der griechischen Sache betrifft?“ Und in der Tat hat der Schulmeister diese Schrift („Neuester Stand der griechischen Sache“, 1822) in seiner „Häringsliteratur“ – er bekommt nämlich nicht mehr so recht verkäufliche Heringe in literarische Blätter eingewickelt zugesandt und ist so mit den Bestsellern der Zeit vertraut. Daß Krug hier unter die vielen banalen Modeschriftsteller der Zeit gerät ist sicherlich ungerecht, aber wo Grabbe Shakespeare, Goethe, Schiller oder auch 13 Schneidergesellen köpft, da kommt es ihm auf einen weiteren zerbrochnen Krug nicht an.
Es mag aber auch um das Thema gehen: Natürlich ergötzt sich der Teufel an Revolutionen, Kriegen, Katastrophen. Die griechische Sache war eine teuflische Lektüre.


Arthur und Antigone

Einen noblen und sympathischen Vergleich zieht Karl Heinemann in seinem Büchlein „Die klassische Dichtung der Griechen“ (Leipzig: Kröner 1912, S. 122), indem er über Antigone schreibt:
„Nun tritt diese zum letzten Mal auf dem Wege zum Tode; sie nimmt Abschied vom Leben. Es ist schön und wahr, daß sie trotz ihrer Sehnsucht, aus dem Leben zu scheiden, vor dem nahenden Tode erschauert, und daß ihr Schmerz sich in rührende Klagen ergießt. Alle Menschen lieben das Leben, und auch dem, der sie wegwerfen will, erscheinen die Güter des Lebens köstlich, wenn er sie aufgeben muß. Der tapfere Feldherr Prinz von Homburg, der dem Tode in vielen Schlachten ins Auge gesehen hat, erschaudert doch vor dem Grabe, in das am folgenden Tage seine Leiche gebettet werden soll.“
Für uns heute selbstverständlich, 1912 wünschte der Landesherr noch die Streichung der Todesfurchtszene.
Vielleicht ist ja doch etwas an der „humanistischen Bildung“?


Kleist in der AfD

Potsdam. „In den Staub mit allen Feinden Brandenburgs.“ Alexander Gauland zitiert den Prinzen von Homburg. Über ihm hängt eine Erntekrone…
So vermeldet es die Lausitzer Rundschau vom 10. Februar unter der Überschrift Gauland neuer AfD-Landesvorsitzender. Daß es sich um ein ungenaues Kleist-Zitat handelt, war dem Berichterstatter Benjamin Lassiwe wohl nicht bekannt, Gauland wußte es natürlich. Kleist hätte es sicherlich gefallen, diesmal nicht nur mit einem Kränzchen, sondern einer Erntekrone geehrt zu werden – aber die hängt nur grammatisch über dem Prinzen.


Zerleger

Jean Pauls Kampaner Tal erschien 1797. In ihm heißt es über Goethe:
„Goethe, der nun zergliedert, was er sonst erschuf, Blumen und Licht“
(Jean Paul: Sämtliche Werke. Frankfurt am Main: Zweitausendeins 1996. Abt. I Bd 4, S. 670)
Heinrich von Kleist:

HERR VON GOETHE
SIEHE, das nenn ich doch würdig, fürwahr, sich im Alter beschäftgen!
Er zerlegt jetzt den Strahl, den seine Jugend sonst warf.


Hat Kleist den Jean Paul gelesen? Auf jeden Fall beide den Goethe.


Potocki

Jan Potockis (1761-1851) Horror-, Liebes-, Abenteuer-, Reise- und Intrigenroman "Die Handschrift von Saragossa" erzählt eine Geschichte, in der jemand eine Geschichte erzählt, in der jemand eine Geschichte erzählt… Ein Matrjoschka-Roman. Auf dem Schutzumschlag vergleicht ein ungenannter FAZ-Rezensent diese Prosa mit der Kleists. Naja, er hätte auch Jean Paul oder E. T. A. Hoffmann sagen können, hier wollte er wohl nur mal seine literarische Bildung aufblitzen lassen.
Aber es gibt eine Gemeinsamkeit mit Kleist: nämlich die kunstvolle Inszenierung des Selbstmordes. Potocki feilte eine Silberkugel seines Samowars so lange zurecht, bis sie in den Pistolenlauf paßte, und schoß sie sich dann in den Mund, so daß sein Hirn an die Wände spritzte, wie Kleist das eindrucksvoll formuliert hat. Auch er schoß sich ja in den Mund, die Kugel blieb aber im Schädel stecken.
Lesen Sie das Buch, die fast 1000 Seiten lohnen sich!




Kleists berühmter Gedankenstrich hat (mindestens) einen gleicher Bedeutung als Vorgänger. Friedrich Christian Laukhard erzählt von einem Erlebnis seiner frühreifen Kindheit/Jugend. Bei einem ausgelassenen Gesindeabend „kettete sich eine Dirne, welche schon ein Kind von einem Mühlburschen gehabt hatte, an mich, ließ mich neben sich liegen, fragte sodann nach diesem und jenem, woraus ich ihre Absicht leicht merken konnte, und führte mich hinter eine Hecke von Bandweiden, wo wir uns hinlagerten und – “.
Kleist könnte Laukhards Lebenserinnerungen durchaus gekannt haben, sie erschienen 1792-1802 und könnten ihn interessiert haben, weil sie Berichte von Kämpfen enthielten, an denen auch er teilgenommen hatte. Im Sommer 1790 zog Laukhard mit seinem Regiment über Berlin und Frankfurt (Oder) nach Schlesien – man hätte sich sogar begegnen können.
In der von mir benutzten Ausgabe sind Zensureingriffe durch mehrere Striche gekennzeichnet. Sind die dann schon Pornographie? Oder ist der zitierte Einzelstrich ein Zensureingriff?

(Laukhard, Friedrich Christian: Leben und Schicksale von ihm selbst beschrieben. Hg. von Karl Wolfgang Becker. Leipzig: Koehler & Amelang 1989. Zitat auf S. 21.)


Goethe : Kleist = 4 : 8

So viele Spalten nämlich gesteht das Handbuch für den Deutschunterricht, (hrsg. von R.[udolf] Murtfeld. Langensalza / Berlin / Leipzig: Beltz [1938]. 2 Bde) den beiden Dichtern zu. Kleist ist damit der am ausführlichsten behandelte Autor, selbst Hitler bekommt nur den Goethe-Umfang.
Das Handbuch erlebte keine große Auflage, der Krieg veränderte sicherlich auch den Blick auf den einen oder anderen Sachverhalt. Insbesondere dürften die hier schon fiesen Darlegungen zur „Judenfrage“ wenig später als noch zu human erschienen sein. Aber das Handbuch kam in die Hände der Multiplikatoren, das in ihm gebotene Wissen und Unwissen ging verstärkt in die Köpfe und Herzen der Schüler. (Versteht sich, daß auch in diesem Lexikon Kluges steht, da etwa, wo man sich auf sprachgeschichtliche Zusammenhänge konzentriert.) Aber nun zu Kleist:
Das Lemma beginnt mit einer Schilderung des Gewölbe-Erlebnisses in Würzburg und Kleists Gleichnis in Brief und Dichtung: Das ist der ganze K., der tapfere K. […] Wie war es möglich, daß dieser Dichter, der unserm Herzen heute so unendlich viel bedeutet, so lange Zeit im Dunkeln gestanden hat? Zurückgeführt wird das auf die lange fehlende Gleichheit des Erlebnisses, die auch einen Führer wie Schiller in eben dieser Eigenschaft ungewürdigt ließ.
Kleist habe von Kindheit an nach Sinn und Aufgabe seines Lebens gesucht und mit Schrecken festgestellt, daß niemand – auch die Religion nicht – ihm Antwort geben könne. Auch die Philosophie ließ ihn allein. So geschieht dann bei Kleist das Großartige: Er reißt den Stern vom Himmel und nagelt ihn auf seine Standarte. Dieser Stern war sein Gefühl. Es lenkt Alkmene sicher durch die göttlichen Anmutungen, führt Käthchen an die Seite des Grafen und Penthesilea zu Achill. Nie werde der bewußte Mensch die Unbeschwertheit der Marionette erreichen. Wer zu seinem Gefühl finde und steht, der finde zu sich selbst wie die Marquise von O… So auch in der Familie Schroffenstein, in der die Kinder der verfeindeten Familien in ihrem Gefühl zueinander geleitet werden, so auch in der Verlobung und im Zweikampf – Gefühl und Vertrauen lenken und deuten richtig.
So weit, so gut. Der Lexikonartikel stammt von Ernst Beutler (1885-1960), von dem man eigentlich den Goethe-Text hätte erwarten sollen. Er schrieb ihn 1937, im gleichen Jahr, als er von den NS-Behörden entlassen wurde. Vielleicht um dem Druck etwas auszuweichen, wird Kleist nun als unser größter vaterländischer Dichter gewürdigt, der Schriften schuf wie aus Erz gegossen und schnittig wie Stahl. Alle Glut werde jetzt fanatischer Haß und fanatischer Glaube.
Insgesamt aber doch ein Text, den man nicht rundum verdammen kann; für ein Unterrichtshandbuch stark erzählerisch aufgearbeitet – aber das liegt wohl mehr an Beutler als am Herausgeber Murtfeld.


Käthchen von Quedlinburg

„Inzwischen interessieren sich die Filmfritzen schon für ein anderes Projekt von uns, ein Musical nach Käthchen von Heilbronn. Es heißt: Das Käthchen von Quedlinburg.“
So Peter Hacks im Brief an seine „Mamama“ vom 24. 8. 1963. (Peter Hacks schreibt an „Mamama“. Berlin: Eulenspiegel 2013. S. 212.) In der Anmerkung dazu heißt es, daß der Plan „über hs. Notizen von Hacks und Wiede, die in Hacks‘ Nachlaß überliefert sind, nicht hinausgekommen“ sei. – Eigentlich schade, denn Hacks hatte ja schon versucht, den „Amphitryon“ zu überkleisten – aber es kommt eben immer Hacks heraus.


Wer und wann war’s?

Daß der letzte Besuch Heinrich von Kleists in Frankfurt (Oder) bei seiner Familie ein niederschmetterndes Erlebnis war und seinen Entschluß zum Selbstmord zumindest gefestigt hat steht außer Frage. Aber wann fand er statt, und wer waren die beiden Schwestern, zwischen denen er saß und sich als nichtsnutziges Mitglied der Gesellschaft beschimpfen lassen mußte? Eine war Ulrike, wer war die andere? Die meisten Biographen ducken sich weg und sprechen von „Schwestern“ oder „Familie“. Aber es werden auch Namen genannt – und zwar alle seine Schwestern. Am häufigsten Auguste, aber was sollte sie nach Frankfurt getrieben haben? Allerdings war sie durch ihren Mann eindeutig gegen Heinrich gestimmt worden, das Urteil könnt so von ihm vorformuliert worden sein. Friederike war hochschwanger und hat wohl kaum die beschwerliche Reise in ihre Heimatstadt unternommen. Die geschiedene Wilhelmine hingegen hätte durchaus Geborgenheit im Schoße ihrer Familie gesucht haben können. Und warum nicht das Nesthäkchen Juliane?
Und auch die Zeitangaben reichen von September bis Oktober.
Die folgende, alles andere als vollständige Liste ergibt ein verwirrendes Bild. Nachgeschlagen wurde in (die Aufnahme einiger belletristischer Titel rechtfertigt sich durch die biographischen Kenntnisse und Recherchen der Autoren):

• Bab, Julius: Kleist in seinen Briefen. In: Kleist: Werke. Berlin: Volksbühnen- Verlags- und Vertriebs-G.m.b.H. 1927. S. XXVIIIf.
• Barthel, Wolfgang (Bearb.): Heinrich von Kleist 177-1811. Chronik seines Lebens und Schaffens. Frankfurt (Oder): KFG 2001. S. 99.
• Birkenhauer, Klaus: Kleist. Tübingen: Wunderlich 1977. S. 257.
• Bisky, Jens: Kleist. Eine Biographie. Berlin: Rowohlt 2007. S. 461.
• Braig, Friedrich: Heinrich von Kleist. München 1925. S. 570f.
• Blamberger, Günter: Heinrich von Kleist. Frankfurt am Main: S. Fischer 2011. S. 412.
• Blöcker, Günter: Heinrich von Kleist oder Das absolute Ich. Berlin: Argon 1960. S. 106 und307.
• Brahm, Otto: Das Leben Heinrich von Kleists. Berlin: Fleischel 1911. 4. Aufl. S. 420f.
• Carpi, Anna Maria: Kleist. Einleben. Berlin: Insel 2011. S. 433-437.
• Eloesser, Arthur: Heinrich v. Kleist. Eine Studie. Berlin: Bard, Marquardt & Co. [1905]. S. 61.
• Elsner, Richard: Ringender Dämon. Berlin: West-Ost-Verl. 1937. 2.-3. Aufl. S. S. 345-354.
• Federn, Karl: Das Leben Heinrich von Kleists. Berlin: Brückenverl. 1929. S. 328.
• Fischer, Peter: Heinrich von Kleist. Berlin: Stapp1982. S. 166f.
• Franck, Hans: Kleist. Ein vaterländisches Spiel. Berlin: Volkschaft-Verl. 1933. S. 64-76.
• Goldammer, Peter: Heinrich von Kleist. Leipzig: Bibliographisches Institut 1980. S. 78f.
• Günzel, Klaus: Kleist. Ein Lebensbild in Briefen und zeitgenössischen Berichten. Berlin: Verl. D. Nation 1984. S. 373.
• Haupt, Gunther: Der Empörer. Berlin: Haude & Spenersche Buchhandlung Max Paschke 1938. S. 270.
• Kraft, Herbert: Kleist. Leben und Werk. Münster: Aschendorff 2007. S. 206.
• Kreutzer, Hans Joachim: Heinrich von Kleist. München: Beck 2011. S. 121.
• Heiseler, Bernt von: Kleist. Stuttgart: Cotta Nachf. 1939. S. 91.
• Herzog, Wilhelm: Heinrich von Kleist. München: Beck 1914. S. 620-622.
• Horn, Peter: Kleist-Chronik. Königstein/Ts.: Athenäum 1980. S. 114.
• Kiesgen, Laurenz: Heinrich von Kleist. Leipzig: Reclam 1920. 2. Aufl. S. 115.
• Kürenberg, Joachim von: Heinrich von Kleist. Ein Versuch. Hamburg: Mölich1948. S. 236.
• Loch, Rudolf: Kleist. Eine Biographie. Göttingen: Wallstein 2003. S. 409 und 501 (Fn.: Verweis auf Müller-Salget SWB 4)
• Loretz, Johann-Georg: Der arme Heinrich. Kleist. Dornach: Odilia 1997. S. 196f.
• Maass; Joachim: Kleist. Die Geschichte seines Lebens. München / Zürich: Droemer Knaur 1980. S. 236.
• Markwardt, Bruno: Einleitung zu: Kleists Werke in drei Bänden. Leipzig: Reclam o. J. [1927], Bd 1, S. 77f.
• Meerheimb, Henriette von: Die Toten siegen. Berlin u. a.: Westermann 1917. S. 520-528.
• Michaelis, Rolf: Heinrich von Kleist. Velber: Friedrich 1974. 3., durchges. u. erw. Aufl. S. 12
• Michalzik, Peter: Kleist. Dichter, Krieger, Seelensucher. Berlin: Propyläen 2011. S. 454f.
• Molo, Walter von: Geschichte einer Seele. Berlin: Holle & Co. 1938. S. 622f.
• Müller-Salget, Klaus: Heinrich von Kleist. Stuttgart: Reclam 2002. S. 118.
• Ohff, Heinz: Heinrich von Kleist. München, Zürich: Piper 2004. S. 192
• Rahmer, S.: Das Kleist-Problem […]. Berlin: Reimer 1903. S. 160.
• Rahmer, S.: Heinrich von Kleist als Mensch und Dichter. Berlin: Reimer 1909. (S. 394 – Fn.)
• Schmelzer, Hans-Jürgen: Heinrich von Kleist. Deutschlands unglücklichster Dichter. Stuttgart, Leipzig: Hohenheim 2011. S. 243.
• Schmidt, Erich: Biographische Einleitung. In: H. v. Kleists Werke. Im Verein mit Georg Minde-Pouet und Reinhold Steig hg. von Erich Schmidt. 4 Bde. Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut o. J. [1904-1906]. Bd I, S. 43*.
• Schulz, Gerhard: Kleist. Eine Biographie. München: Beck 2007. S. 515.
• Staengle, Peter: Heinrich von Kleist. München: dtv 1998. S. 146.
• Staengle, Peter: Kleist. Sein Leben. Heilbronn: KLAS 2011. 5., akt. Aufl. S. 176 u. 231.
• Steig, Reinhold: Heinrich von Kleist’s Berliner Kämpfe. Berlin und Stuttgart: Spemann 1901. S. 656.
• Steig, Reinhold: Neue Kunde zu Heinrich von Kleist. Berlin: Reimer 1902. S. 31f.
• Strauß, Max Otto: Ein Stern erlischt. Hannover: Sponholtz 1938. S. 350-355.
• Streller, Siegfried: Einleitung. In: Kleist, Heinrich von: Werke und Briefe. Berlin und Weimar: Aufbau 1978. Bd I, S. 94.
• Wentscher, Dora: Heinrich von Kleist. Weimar: Volksverlag 1956. S. 217-220.
• Wichmann, Thomas: Heinrich von Kleist. Stuttgart: Metzler 1988. S. 226.
• Wilbrandt, Adolf: Heinrich von Kleist. Nördlingen: Beck 1863. S. 402.
• Wolff, Hans M.: Heinrich von Kleist. Die Geschichte seines Schaffens. Bern: Francke 1954.
• Zenz, Reinhold: Heinrich von Kleist. In: Schicksalstage deutscher Dichter. Hg. v. Rudolf Krauß. München: Beck 1922. S. 107-132.
• Zimmermann, Hans Dieter: Heinrich von Kleist. Hamburg: Rowohlt 1991. S. 317 und 368.
• Zolling, Theophil: Einleitung. In: Heinrich von Kleists sämtliche Werke. 4 Bde. Stuttgart: Union Deutsche Verl.-ges. 1890. Bd I, S. XC (Fn.)

Bab: Herbst. Ulrike, Familie
Barthel: Ende Oktober, Ulrike, Auguste
Birkenhauer: 18. September Schwestern
Bisky: -, Schwestern
Blamberger: -, -
Blöcker: - Familie
Brahm: -, Ulrike, Schwester
Braig: -, Ulrike, Schwester
Carpi: Ende Oktober Ulrike, Auguste
Eloesser: plötzlich, Verwandte
Elsner: -, Ulrike, Wilhelmine
Federn; Anfang Oktober, Ulrike, Auguste
Fischer: September, Ulrike, Wilhelmine
Franck: -, Auguste, Friederike
Goldammer: September, -
Günzel: 18. September, Geschwister
Haupt: -, Ulrike, Geschwister
Heiseler: -, Ulrike, Schwester
Herzog: Oktober, Ulrike, Verwandte
Horn: 18. September, Ulrike, Schwester
Kiesgen: unvermutet, Ulrike
Kraft: Ende Oktober, Ulrike, wahrscheinlich Auguste
Kreutzer: Ende Oktober, Ulrike, eine weitere Schwester
Kürenberg: Oktober, Ulrike, Schwester
Loch: September und Oktober, Ulrike, Auguste; Schwestern
Loretz: 18. Sept., Schwestern
Maass: -, Ulrike, Auguste
Markwardt: Oktober, Ulrike, Familie
Meerheimb: Herbst, Ulrike, Wilhelmine
Meyer-Benfey: Oktober, Ulrike, Schwester
Michaelis: Ende September, Ulrike, Schwester
Michalzik: Ende September, Ulrike, eine andere Schwester
Molo: -, Ulrike, Wilhelmine
Müller-Salget: Oktober, Ulrike, vermutlich Auguste
Ohff: -, Ulrike, Frankfurter Familienangehörige
Rahmer Mensch: -, Verwandte
Rahmer Problem: -, Schwestern
Schmelzer: -, Schwestern
Schmidt: Oktober, Ulrike
Schulz: September, Ulrike, Auguste
Staengle dtv: -, Geschwister
Staengle KLAS: Ende Oktober, Geschwister
Steig Kämpfe: -, bei den Seinigen
Steig Kunde: Nach 19. Sept. „mehr in der letzten Zeit seines Lebens“, -
Strauß: Sept. oder später, Ulrike, Juliane
Streller: -, Ulrike, Familie
Wentscher: Spätherbst, Ulrike, die andere Schwester, die ältere Schwester
Wichmann: September, Familie
Wilbrandt: -, Ulrike
Wolff: -, -
Zenz: 24. Oktober, Ulrike, Wilhelmine
Zimmermann: 18. September, Ulrike, Schwester
Zolling: wohl Gustchen v. Pannwitz u. Ulrike

Also wer war’s und wann war’s? Antworten bitte bei Stimmings hinterlegen.


Landung

Bei der Arbeit am Register für die Dokumente und Zeugnisse zu Heinrich von Kleist (Brandenburger Kleist-Blätter 15) war es unser Bemühen und Ziel, jeden Namen mit Vornamen, Geburts- und Sterbejahr zu versehen – in Vor-Google-Zeiten ein ziemlich aufwendiges Vorhaben, zumal die Zeitgenossen auf spätere Registerarbeit keine Rücksicht genommen haben und eine Wilhelmine in den Briefen schon mal als Mine, Minchen, Helli oder Röschen auftauchen lassen. Zumindest eine Berufsbezeichnung o. ä. wollten wir im Lückenfalle hinzufügen.
Da war da also der Herr Claudius, über dessen Ballonfahrt Kleist in seinen Berliner Abendblättern so ausführlich berichtet (13. und Extrablatt zum 14.) Die Vornamen Carl (auch Karl) Friedrich waren denn auch bald eruiert – aber die Lebensdaten? Telefonate bei Fluggesellschaften, Ballonvereinen, Luftfahrtmuseen etc. blieben ohne Erfolg. Dabei wäre es für die Cottbuser Renate Schneider und Arno Pielenz so einfach gewesen: Claudius war nämlich Cottbuser. In seiner Chronik zur Geschichte der Stadt Cottbus berichtet Steffen Krestin über ihn: Er wurde am 21. 1. 1767 in Cottbus geboren, begibt sich 1806 nach Berlin und konstruierte einen Wachstuchballon mit Flugwerk. Am 5. Mai 1811 startet Claudius im Garten der Berliner Tierarzneischule zu einer Ballonfahrt mit seiner „Claudiante“ und überflog zwei Stunden die Mark Brandenburg. Er landete aufgrund eines aufkommenden Gewitters, hatte aber bereits eine Höhe von etwa 5.000 Metern erreicht. Die Berliner bereiteten ihm fünf Tage später einen begeisterten Empfang. – Der Flug, über den Kleist berichtet, war nicht so erfolgreich.
Diesen Angaben zufolge lebte Claudius von 1767-1850. In Cottbus wurde inzwischen eine Straße nach ihm benannt. Sie ist etwas länger als die Cottbuser Kleiststraße.


Grabverse

Georg Lentz, „[a]uf Fontanes Spuren zwischen Oder und Havel“, gelangt auf seinen Wanderungen auch zum Kleistgrab. Und da fallen ihm „jene Zeilen ein, die der zu Unrecht wenig bekannte Dichter Matthias Beltz absonderte:
,Wenn man sich nicht selbst bescheißt
endet man wie Heinrich Kleist,
ohne List und ohne Mogeln
erschoß er sich und auch Frau Vogeln.‘“
Auch ein Dichtergedenken.

Lentz, Georg: Märkische Protokolle. Auf Fontanes Spuren zwischen Oder und Havel. Frankfurt/M.; Berlin: Ullstein 1995. S. 92.


Chili-Schote

Nicht den ersten Beitrag zur Rubrik »Kleist-Rezeptionszeugnisse, die die Welt nicht braucht« liefert Diethard Lübke in der Reihe „… einfach klassisch“ des Cornelsen-Verlags.
Berühmt, viel zitiert und bewundert ist der erste Satz von Kleists Erzählung Das Erdbeben in Chili:
In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, Namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken.
Lübke hat nun eine ähnliche Geschichte geschrieben mit fast dem gleichen Titel: Das Erdbeben in Chile, die so beginnt:
In Santiago, der Hauptstadt des Königreichs Chile, ereignete sich im Jahre 1647 ein großes Erdbeben, bei welchem viele Tausende Menschen starben. In dem Augenblick, gerade als das Erdbeben begann, stand ein junger Spanier in seiner Gefängniszelle an einem Pfeiler und wollte sich erhängen. Sein Name war Jeronimo Rugera.
Lübke behauptet nun allerdings, ein umgekehrter Guttenberg, diese pomadige Sprache sei die Heinrich von Kleists, erzählt, sich an den Geschehnissen der Kleist-Novelle entlanghangelnd, die bekannte Geschichte auf Teletubbies-Niveau, ohne daß aber wohl jemand auf die Idee käme, wie bei diesen zu rufen: „Nomal, nomal!“ Man glaubt, eine Ikea-Bauanleitung zu lesen, zumal Lübke nicht versäumt, dem Leser Begriffe wie „Festung“ oder „Kruzifix“ zu erläutern und mitzuteilen, daß man bei einer Steinigung gesteinigt wird. In einigen Ländern gibt es heute noch Steinigungen. In welchen, wagt er nicht zu sagen.
Im gleichen Heft wird die Marquise von O. noch einmal vergewaltigt. Die Beantwortung der beigegebenen Fragen fordert höchste intellektuelle Anstrengung: Neben der (in schauderhaft falscher Fraktur gesetzten) Anzeige steht die Frage, was in der Anzeige stehe.
Wer zu hohem Blutdruck neigt, frage vor der Lektüre dieses Bändchens seinen Arzt oder Apotheker.
Kleist, Heinrich von: Das Erdbeben in Chile. Die Marquise von O. Auf der Grundlage der Ausgabe von 1810 für die Schule bearbeitet von Diethard Lübke. Berlin: Cornelsen 2010.



Eine zerbrochene Krug

Paul Wiegler (1878-1949), Verfasser u. a. einer fülligen „Geschichte der deutschen Literatur“, die Kleist immerhin 25 Seiten zugesteht, und einer Kleist-Novelle („Der Hügel“, 1926), in der der Doppelselbstmord Kleist + Henriette am Kleinen Wannsee gestaltet wird, wartet 1932 in der von ihm und Ludwig Goldscheider herausgegebenen Anthologie „Die schönsten deutschen Gedichte“ (Wien, Leipzig: Phaidon-Verlag) mit einer Überraschung auf, die auch im Gedenkjahr 2011 und bei der Neugestaltung der Grabstätte unberücksichtigt geblieben ist. In den bio- und bibliographischen Anmerkungen heißt es zu Kleist (von dem drei Gedichte aufgenommen worden sind): 21. November 1811: Selbstmord am Wannsee bei Potsdam, gemeinsam mit Wilhelmine von Zenge.
Eine zerbrochene Krug (geb. Zenge).


Kleist als Narr …

Wenn dann der Dichter sich in einer Lage befindet, wo er großer Gegenstände bedarf, um daran seine Phantasie zu üben, ohne sie weder in der Vergangenheit noch Gegenwart zu finden, wo die großgezogene Reflexion an jede Schöpfung unmöglich zu befriedigende Anforderungen macht und der Ballast an Wissen sich an die Flügel des Pegasus hängt, wo „die großen Auen der Wissenschaft mit Bäumen der Erkenntnis irrende Düfte um ihn her verbreiten“, da kann der Dichter ein Narr werden – dafür liefert das Schicksal von Heinrich von Kleist ein Beispiel.
Neumann, W[ilhelm].L Jean Paul Friedr. Richter. Cassel: Ernst Balde 1853. S. 200 f.

… und als Genießer
Aber ich glaube, daß zum Beispiel Kleist genußfähiger war als Goethe. Das hängt sicherlich damit zusammen, daß Goethe gesünder war als Kleist. Gesünder auch im Sinne von anpassungsfähiger, was sich auf den Umgang mit den Verhältnissen und Verhaltensnormen bezieht. Goethe war, wenn man so will, realitätstüchtiger als Kleist. Aber eine solche Gesundheit beschädigt die Genußfähigkeit. Je gesünder man ist, um so weniger kann man genießen. Kleist war offenbar in der Lage, sogar seinen Selbstmord noch zu genießen.
Heiner Müller „Zur Lage der Nation“ (im Interview mit Frank M. Raddatz). Berlin: Rotbuch 1990. S. 70 f.


Kleist postum

In dem höchst vergnüglichen Parodienbuch Mantel, Schwert und Feder beschließen in einem Vorspiel im Himmel deutsche Dichtergrößen, den bisher unbesungenen Heiligen Martin dichterisch zu würdigen. Die Diskussion beendet Kleist: „Wir holen das Versäumte nach, dergestalt daß, indem wir in preußischem Pflichtgefühl einmal mehr nach Tinte und Feder greifen, wir nicht ablassen, ehe nicht, auch wenn die Sache noch schwieriger wäre als sie uns in diesem Moment erscheint, der Schaden behoben ist. Der freie Geist will, was er soll.“ – Kleist steuert denn auch eine Anekdote aus der Römischen Provinz bei, die in verschachtelten Sätzen die Übergabe des halben Mantels an den Bettler schildert, der, „nicht begreifend, wie ihm geschieht, sich plötzlich im Besitz der einen Hälfte findet“, während der reitende Martin sich mit „Bassa Teremtemtem“ und „hoho! hoho! hoho!“ verabschiedet.
„So einen Kerl“, dachte der Bettler, „habe ich zeit meines Lebens nicht gesehen, - und einen so warmen Mantel auch nicht.“
(Harbecke, Ulrich: Mantel, Schwert und Feder. St. Martins Ritt durch die deutsche Literatur. Literarische Parodien. Düsseldorf: Grupello 1997.)


Heinrichs Studentenzeit in Frankfurt (Oder)

Heinrich berichtet:
Die Vorlesungen der Professoren begannen. Ich saß mit unverdrossenem Fleiße zu den Füßen, nicht nur der Meister in der Gottesgelahrtheit, sondern auch der Jurisprudenz und Weltweisheit. […] Mit übertriebnem Fleiß arbeitete ich vom Morgen bis zum Abend, nicht nur aus eigner Lust, sondern aus Furcht und Einbildung, daß ich von allen Studierenden wohl der unwissendste sein möchte. Denn keiner von ihnen hatte gleich mir zwei Jahre verloren, die dem Unterricht hätten angehören sollen. […]
Im Schiffbruch alles Meinens, Glaubens und Willens klammerte ich mich zuletzt noch an das Notbrett, welches damals der „Weise von Königsberg“ ausgeworfen hatte. Es erhielt mich kaum über dem chaotischen Abgrund der Wellen. […] „Muß ich also ganz auf das Erkennen des Wichtigsten für mich verzichten?“ sagt‘ ich zu ihm. „Reicht die Vernunft nur für den Hausbedarf der menschlichen Gesellschaft zu, keinen Zoll darüber hinaus? Warum hat unser Geist den brennenden Durst nach Wissen empfangen und zugleich das Unvermögen, ihn zu löschen?“[…]
fehlte wenig, ich wäre in die Werkstatt eines Malers, Schneiders, Schusters und dergleichen übergelaufen. […]
ward ich zu Frankfurt auch in die Mysterien des Maurertums eingeweiht, wobei der gelehrte Verfasser des Horus, Professor Wünsch, im Widerspruch mit seiner Gutherzigkeit den frère terrible der schwarzen Kammer spielen mußte.

Soweit Heinrich – nein, nicht von Kleist, sondern Zschokke in seiner Selbstschau. Aber die Parallelen sind schon frappierend, und wer Näheres über das Studentenleben an Kleists Heimatuniversität erfahren möchte, der sollte dort einmal nachlesen. Auf jeden Fall hatten die beiden, als sie sich persönlich kennenlernten, genügend Gesprächs- und Erinnerungsstoff.
[Zschokke, Heinrich]: Zschokkes Werke in zwölf Teilen. Hrsg. v. Hans Bodmer. Berlin u. a.: Bong & Co. o. J. [1910]. Bd I, S. 37-44.

ACH!

Mein Nachruf
Auf eine Rundfrage
Wie mein Nachruf aussehen soll, weiß ich nicht. Ich weiß nur, wie er aussehen wird. Er wird aus einer Silbe bestehen.
Pappa und Mamma sitzen am abgegessenen Abendbrottisch und vertreiben sich ihre Ehe mit Zeitungslektüre. Da hebt Er plötzlich, durch ein Bild von Dolbin erschreckt, den Kopf und sagt: „Denk mal, der Theobald Tiger ist gestorben!“ Und dann wird Sie meinen Nachruf sprechen. Sie sagt:
„Ach –!“

Kurt Tucholsky


„Die Liebe muß sein platonisch“,
Der dürre Hofrat sprach.
Die Hofrätin lächelt ironisch,
Und dennoch seufzet sie: „Ach!“

Heinrich Heine: Sie saßen und tranken am Teetisch …

Da überfuhr und trocknete sie heftig zweimal hintereinander die Augen, blickte ihn gewaltsam heiter mit den freundlichsten Augen an und sagte tief heraufgezogen, aber linde und nicht schmerzlich, nichts als: Ach!
Jean Paul: Siebenkäs

ALKMENE: Ach!
Heinrich von Kleist: Amphitryon

Frauen sind halt wortkarg …


Michael M. und Michael Kohlhaas

Paul Zech schloß seinen Exilroman Michael M. irrt durch Buenos Aires 1938 in Argentinien ab – erschienen ist das Buch erst fast ein halbes Jahrhundert später im Greifenverlag zu Rudolstadt (auf das „zu“ legte man im Verlag Wert). Herausgeber und Nachwortautor war Helmut Nitzschke, der sich 1999 das Leben nahm, woran die Zerschlagung des Verlages durch die Treuhand (vgl. Links) nicht unerheblichen Anteil hatte. Seine Vorarbeiten zur geplanten Zech-Biographie sind im Thüringischen Landesarchiv zu finden.
Der Roman hat kaum Handlung, aber er spiegelt beeindruckend das hektische, verzweifelte, flackernde Leben eines Exilanten in einer fremden Welt. (Auch Zechs zweiter Exilroman Deutschland, dein Tänzer ist der Tod erschien dann im Greifenverlag.)
Kleists Name taucht einige Male im Roman auf, für Zech war er höchst bedeutsam. Das von ihm mehrfach benutzte Pseudonym Michael hat ohne Zweifel Bezug zum „ewigen Querulanten Kohlhaas“ (S. 363), dessen Name in einer Ehrenrettung Preußens S. (362-368) genannt wird. „[…] und über einen der echtesten Preußen, über Heinrich von Kleist, habe ich ja erst neulich eine Hymne vom Stapel gelassen“ – so eine der Romanfiguren, die zu großem Teil sich zu Zech zusammensetzen lassen. Der Ausdruck „Hymne“ ist so wenig tarnend wie die leicht durchschaubare Herausgeberfiktion, es handelt sich zweifellos um Zechs Sonett An Heinrich von Kleist, in dem er fordert, den Lorbeer auf Kleists Grab durch blutrote Rosenblätter zu ersetzen. Minde-Pouet hat es in seine Sammlung der Gedichte auf Kleist aufgenommen, in Kleist-Bibliographien wird es nicht gesondert erwähnt. Zu finden ist es in der von Peter Goldammer herausgegebenen Dokumentation Schriftsteller über Kleist (Berlin und Weimar: Aufbau 1976, S. 131). Als Quelle gibt Goldammer etwas verlegen Minde-Pouet an.
Der Erzähler erwähnt auch, er habe Vorträge über „Kleistens Penthesilea gehalten“ (S. 399) – weiß jemand darüber Näheres?

Links, Christoph: Das Schicksal der DDR-Verlage – Die Privatisierung und ihre Konsequenzen. Berlin: Links 2009.
Zech, Paul: Michael M. irrt durch Buenos Aires. Rudolstadt: Greifenverlag 1985.


Schwieriger Herr

Hugo von Hofmannsthal und Carl J. Burckhardt kommen in ihrem Briefwechsel (Frankfurt a. M.: Fischer 1956) mehrfach auf Kleist zu sprechen. Hofmannsthal gedenkt 1919 des „schwierigen Alter[s]“, in dem sich Burckhardt befinde: wie „Herder in Riga und Heinrich Kleist um 1802“ (S. 14) – Burckhardt war 28 Jahre, Kleist im genannten Jahre 25.
Fünf Jahre später geht Burckhardt auf den kümmerlichen Zustand der deutschen Romanliteratur ein und kommt dann anerkennend auf Kleist zu sprechen:
Wenn Kleist erzählt, so klingt etwas eminent Herrenmäßiges, ein ungewohnter Ton in unserer so durchaus bürgerlichen Literatur. Bei Kleist lauter Meisterwerke, keine graue Stellen, wie sie für die ganz großen Autoren so bezeichnend sind, die hohen Augenblicke als Hintergrund steigernd und hinaushebend. Fast ermüdende Perfektion eines seine Höhe und Spannung früh mit dem Leben zahlenden Genies, das beständig da und dort in der Welt die explosivsten Stoffe sammelt. Aber auch dieser preußische Junker Kleist hat keine Welt, die er schöpferisch entwickeln muß, er muß gar nichts, er will, er will sich selbst wehtun bis zur Zerstörung. (S. 160 f.)
Und noch einmal zwei Jahre später bemerkt Burckhardt:
Kleist bleibt, […] wenn er erzählt, im Raum, er verliert sich nicht an seine ,Jetztzeit‘. […] Wer es aushält, im ,Raum‘ zu leben, ist allerdings einem furchtbaren Druck ausgesetzt, Kleist hat ihn nicht ausgehalten, die Gelassenheit der Reife war ihm nicht vergönnt. (S. 210)
Und in Varese gedenkt Hofmannsthal Kleists, wo dieser „auf seiner Flucht aus der Schweiz ein paar Wochen Ruhe fand“. (S. 282)
Der Briefwechsel der beiden klugen Männer ist natürlich über die Kleist-Erwähnungen hinaus lesenswert.

Der Fluch der bösen Tat

„Wie es auf Erden Stätten gibt, an denen seit uralten Zeiten sich Heiligtümer folgen, so ist es auch mit Plätzen der Gewalt. Auf ihnen scheint ein Fluch zu liegen, der stets neue Opfer an sich zieht.“
So reflektiert Ernst Jünger in seinem Roman Heliopolis (oder richtiger: seine Romanfigur Lucius) den ersten Anblick einer auf antiken Zyklopenmauern ruhenden modernen Festung (S. 51). Kurz davor hatte ein Gelehrter im Roman einen solchen Ort des Unheils erwähnt: Kleists Grab. „Im Frühjahr 1945 fanden in der Gegend des Wannsees Selbstmorde in großer Anzahl statt. Wie sind sie gelagert auf dem Kataster, mit Kleistens Grab im Mittelpunkt?“ (S. 45) – Es scheint sich hier nicht um eine dichterische Erfindung Jüngers zu handeln, sondern um eine der Presse entnommene Miszelle, deren Wahrheitsgehalt wohl nicht mehr überprüft werden kann.
Zu den ersten Buchkäufen Jüngers zählte übrigens eine Kleist-Gesamtausgabe.

Jünger, Ernst: Sämtliche Werke. Bd 16: Erzählende Schriften II. Heliopolis. Stuttgart: Klett-Cotta 1980.

















 














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