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Maxim Gorki: Die Mutter

Maxim Gorki: Die Mutter 

Rolf Vollmann nennt das Buch in seinem „Roman-Verführer“ „unsagbar sentimental und absolut unlesbar“[1]. DDR-Schüler wußten das schon vor Vollmann, denn sie mußten es lesen. Vollmann wertet und beurteilt die Romane einzig und allein nach dem Genuß, den ihm das Lesen verschafft hat – aber genau deswegen lesen wir ja Belletristik. Staatliche Stellen, verantwortlich für die Erziehung der Jugend, urteilen aber nach dem ideologischen Potential, das Bücher enthalten. Das ist in der BRD nicht anders als früher in der DDR. Zudem ist zu bedenken, daß Vollmanns Genuß ein anderer ist als der eines proletarischen Lesers vor hundert Jahren. Es hat sicherlich auch Leute gegeben, die Stalin-Hymnen mit Genuß lasen (Stalin z. B.). Will sagen: Es ist immer mitzudenken, für welchen Leserkreis das Buch gedacht ist (wenn denn der Autor an einen bestimmten Adressaten bei Schreiben denkt).

Das „Lexikon der Weltliteratur im 20. Jahrhundert“ sieht es allerdings ähnlich wie Vollmann: „Der Roman […] beweist das Versagen des Autors, aus den vom ihm so bewunderten proletarischen Revolutionären lebensvolle Charaktere zu schaffen, obwohl die Hauptgestalten der Wirklichkeit nachgezeichnet sind.“[2]

Das Wiederlesen des Romans war qualvoll, aber doch aufschlußreich, denn man hat ein Jahrhundert dazugelernt über Revolution, Sozialismus, Gulag und Gorki. „Wiederlesen“? Ja, denn wir mußten das Buch in der Schule lesen, aber ich glaube nicht, daß ich das getan habe. Ich hatte nicht die Spur einer Erinnerung, nicht einmal die an Langeweile. Vermutlich hat auch der Lehrer das Buch abgehakt; man kann auch Literatur unterrichten, ohne Literatur zu benutzen. Dagegen haben sich mir die ebenfalls gelesenen Szenen aus Gorkis „Meine Kindheit“ für immer eingeprägt.

Die Fabel, wenn man denn von einer solchen sprechen kann, ist die Darstellung revolutionären Kampfes in einer russischen Industriestadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Aus dem unbeschreiblichen Elend, der Entwürdigung der Ausgebeuteten, ihrer moralischen Tiefe bis hin zur Vertierung erhebt sich die zunächst spontane, dann immer bewußter und sozialistischer werdende Revolte, und es zählt zu den Stärken des Romans, daß man sie für gerecht und gerechtfertigt hält. Der Klassenkampf schlägt sich auch in der künstlerischen Gestaltung nieder, in einem sehr schlichten Gut-Böse-Schema: Die Unterdrückten sind die Guten, die Unterdrücker und ihre Helfer sind durchgängig ohne menschliche Züge. So werden dann Härte und Gewalt gegen sie als völlig legitim dargestellt, sind sie doch einfach Vertreter eines Schweinesystems. In diesen Kampf wird auch Pelageja Wlassowa hineingezogen, zunächst aus mütterlich-christlichen Motiven, dann immer mehr zur bewußten Klassenkämpferin werden, als die sie uns auf dem Einband der benutzten Ausgabe[3] mit ruhig-festem Schritt entgegenkommt, in den Händen die wehende rote Fahne. Der Roman beruht auf wahren Begebenheiten, und das tut einem Roman meist nicht gut. Geschichten sind dann am wahrsten, wenn sie gut erfunden sind.

Dabei beginnt das Buch recht eindrucksvoll mit der Schilderung des Alltags in der von der Fabrik bestimmten Stadt. Tagesablauf, Lebensinhalt, Lebensweise werden von ihr diktiert, man kann ihr nicht entkommen. Ihr seelen- und herzloser Mechanismus prägt die Menschen. Verzweiflung, Trunksucht, Zank, Schläge, Elend, Hoffnungslosigkeit prägen die Menschen. Mit der Geburt eines Menschen ist auch schon sein Ende bestimmt. Empörung gibt es nicht – wie auch? Dieses Leben scheint unveränderbar. Sie kommt von außen, von Agitatoren, die die Ursache für das Elend benennen und einen Ausweg zeigen. „Das Essen wird schlecht / Und als eng wird erkannt die Kammer.“, so Brecht in seiner Adaption des Romans. Es ist nur so, daß der Leser eben den Cursum, den er ja seit langem kennt, hier noch einmal durchschmarutzen muß. Der Roman ist ein einziges Parteilehrjahr. „Für uns gibt es keine Nationen, keine Stämme, es gibt nur Genossen oder Feinde.“ (S. 39) Es fröstelt den Leser späterer Jahre. Die Empörung richtet sich, was die tief religiöse Mutter anfangs bestürzt und abstößt, auch gegen Kirche und Gott. Ihre Wandlung ist am Ende keine, sie wechselt nur den Glauben – das Wort fällt erstaunlich oft. Pawel vor Gericht wird charakterisiert durch die „Kraft seines Glaubens“ und den „Sieg seines Glaubens“ (S. 360) Die Revolutionäre „ziehen unaufhaltsam gegen alles Böse zu Felde; sie schreiten dahin, zertreten die Lüge mit festen Tritten“ (S. 384). „Ihr fielen die Worte vergessener Gebete ein, die sie, von neuem Glauben erfüllt, aus ihrem Herzen wie Funken sprühen ließ.“ (S. 384 f.). Und schließlich versteigen sich Gorki und die Mutter zu dem Ausruf: „Das ist ja, als würde den Menschen ein neuer Gott geboren!“ Wir kennen inzwischen sogar seinen Namen: Josef Stalin, und Gorki wird ihm am Weißmeerkanal seine Seele opfern.

Der Haß der Unterdrückten ist begründet und gerechtfertigt. Seine späteren Folgen lassen sich hier schon erahnen: Feinde will man „wie Unkraut von der Erde vertilgen“ (S. 96). Der Begriff „Unkraut“ fällt nochmals, man will es „ohne Gnade“ vernichten (S. 125). Liebe, Ehe gar behindern den Klassenkampf und sind abzulehnen.

Vergleicht man allerdings Gorkis Roman mit Zolas „Germinal“ oder Gerhart Hauptmanns „Die Weber“, so fallen neben der ähnlichen Thematik sofort auch die Unterschiede in der Gestaltung auf: Die Aufstände der Bergarbeiter und Weber bei letzteren kommen aus ihnen heraus, sind realistisch gestaltete Empörung. Bei Gorki wird der Aufstand im Grunde von außen organisiert, von den Agitatoren der Partei, die in das Städtchen einsickern. Vielleicht ergibt sich die Phrasenhaftigkeit der Sprache aus dieser Anlage, die ja durchaus den wirklichen Vorgängen nachgestaltet ist. Lenins Lehre von der Partei neuen Typus schließt ja ein, daß die Arbeiter und Bauern allenfalls zu spontanen und rein sozialen Revolten in der Lage sind, die politische Revolution und die Übernahme der Macht könne nur unter der Führung der Kommunistischen Partei gelingen.

Die Charaktere prägen sich kaum ein – es sind eben keine, sondern Typen von Revolutionären, meist mit ihrer Klassenzugehörigkeit eingeführt. Ein Nachruf hört sich so an: „Er war ein Künstler der Revolution, er beherrschte den revolutionären Gedanken wie ein großer Meister. Wie einfach und kraftvoll entwarf er Bilder der Lüge, der Gewalt, der Unwahrheit!“ (S. 255) Das liest sich wie bei Courts-Mahler, die in ihren Büchern von den edlen Männern immer behauptet, sie seien geistreich und schlagfertig: Man hört aber nie eine geistreiche oder schlagfertige Bemerkung von ihnen. Auch vom Verstorbenen hat man zu Lebzeiten nie ein kraftvolles Bild der Lüge oder Gewalt vernommen. Und Pawels Charakter ist mit den folgenden Worten vollständig umrissen: „Er hat als erster offen die Fahne unserer Partei erhoben.“ (S. 276) Seine Rede vor Gericht ist eine peinliche Aneinanderreihung revolutionärer Phrasen, so auch der ganze Roman. Daß er am Beginn des „Sozialistischen Realismus“ steht, ihn begründet und als Vorbild genommen wird hat die schrecklichsten Folgen für Kunst und Leben. Das Nachwort von L. Timofejew zieht dann auch die Linie zu N. Ostrowski, Furmanow und Scholochow.

L. I. Timofejew hatte bereits in seiner als Standardwerk geltenden „Geschichte der Sowjetliteratur“[4], die ebenso gruselig zu lesen ist wie der Roman, das Buch in den höchsten Tönen gelobt, als „Vorbild für die Sowjetliteratur“, als „hohe künstlerische Gesamtdarstellung der revolutionären Kampfgeschehnisse“, als „das beste Werk des sozialistischen Realismus“. Ein schlimmeres Urteil über diese Kunstrichtung kann man wohl nicht fällen.

Vollmann hat recht: Das Buch ist unlesbar.

*
Nachtrag:
Rosa Luxemburg schreibt nach der Lektüre des Romans:
Neulich wurde mir ein Manuskript von Gorki gebracht, sein neuester „sozialer“ Roman,, von dem sich seine Freunde eine ganze „Revolution“ in der Kunst versprechen, ich sollte die Sache beurteilen- Ich muß sagen: ich war stark enttäuscht; es ist ein Tendenzroman, ja direkt ein „Agitationsroman“ von grellster Sorte; ich fand keine Spur von Talent und von echter Kunst. Armer Gorki, dem sein Faden der „Lumpen-Kunst“ ausgegangen ist und der sich zwingt, Sozialdemokrat zu sein!
Zit. nach: Trommler, Frank: Sozialistische Literatur in Deutschland. Stuttgart: Kröner 1976. S. 283.



[1] Vollmann, Rolf: Die wunderbaren Falschmünzer. Frankfurt a. M.: Eichborn 1997. S. 775

[2] Freiburg, Basel, Wien: Herder1963. 3. Aufl. Bd 1, Sp. 789

[3] Gorki, Maxim: Die Mutter. Berlin: SWA-Verlag 1948

[4] Timofejew, L. I. : Geschichte der Russischen Literatur. Berlin: Kultur und Fortschritt 1953. Bd III: Geschichte der Sowjetliteratur. S. 98-117







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