Meine Homepage

Nikolai Ostrowski: Wie der Stahl gehärtet wurde


Nikolai Ostrowski: Wie der Stahl gehärtet wurde 

Das Buch[1] war in der DDR Schullektüre, Pflicht für jeden, der hart wie Stahl für den Kommunismus kämpfen sollte, im Kopf das Lebensmotto, das auswendig zu lernen und auch sonst allerorten präsent war: „Das Kostbarste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und leben soll er so, daß nicht sinnlos vertane Jahre ihn schmerzen, daß nicht Scham um eine schäbige und kleinliche Vergangenheit ihn brennt und daß er im Sterben sagen kann: Mein ganzes Leben und alle meine Kräfte habe ich hingegeben für das Schönste auf der Welt – den Kampf um die Befreiung der Menschheit.“ (S. 238)

Hart wie Stahl also. Immerhin nicht auch flink wie ein Windhund und zäh wie Leder. Dennoch: „… die Worte des Führers gelten auch für mich“ (S. 369).

Als Schüler langweilte das Buch einfach. Man hätte es genau lesen sollen. Inzwischen kennt man die Fortsetzung. Sie heißt: „Der Archipel Gulag“. All seine Schrecken sind hier bereits angelegt. Man liest das Buch heute mit Frösteln.

Es ist ein durchweg glaubwürdiges Buch, auch wenn man annehmen darf, daß die Autobiographie, die das Grundgerüst des Romans bildet, klassenkämpferisch aufgearbeitet worden ist. Eine Biographie aber, so Hegel in seiner „Ästhetik“, organisiert sich nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten. Im Leben gibt es Durststrecken und auch schlichte Langeweile, im Roman darf es sie nicht geben. Wenn Ostrowski und damit sein Romanheld Pawel Kortschagin aufgrund seiner schweren Verwundung nur noch eingeschränkt tätig sein kann, dann tut das dem Roman und dem Leser nicht gut: Das letzte Drittel des Buches schildert vorwiegend Kongresse, Versammlungen, Sitzungen, Beratungen, Parteiversammlungen und ist daher so langweilig wie diese.

Pawel erlebt eine schwere Kindheit in Armut und Ausbeutung. Schilderungen, die an Gorki gemahnen. Genaugenommen erlebt er gar keine Kindheit, sondern wird schnell Objekt brutaler Ausbeutung und menschlicher Verkommenheit. Halt bieten die Mutter und der Bruder Artjom. Die Revolution kündigt sich an, und dem Leser wird deutlich, daß sie nicht das Werk volks- und weltfremder Agitatoren wie etwa Che Guevaras oder der RAF ist, sondern notwendig, unvermeidlich. Die da oben habe die Not des Volkes bewußt geschaffen, wähnten sich sicher. Eine Bismarcksche Sozialgesetzgebung gab es in Rußland nie.
Die Bolschewiki gewinnen Boden, in der Stadt, fast täglich wechselt die Macht. Pawel entwickelt früh einen festen Klassenstandpunkt: die Gegner sind prinzipiell „Banden“, die Offiziere sind „Pack“, „Halsabschneider“ – das mögen sie auch gewesen sein, aber der rote Terror stand ihnen, wie das Buch zeigen wird, kaum nach.

Und auch die Liebe kommt, zur bürgerlichen Tonja, und ist damit natürlich ohne Zukunft. Pawel wird lernen, in Frauen immer zuerst die Parteigenossin (oder -feindin) zu sehen und dann erst die Frau. Das ist ganz ernst gemeint, und es ist wohl noch niemandem aufgefallen, wie sehr diese Einstellung auch einem Diederich Heßling eigen ist, der vor den Aktivitäten der Hochzeitsnacht sein Gustchen auffordert, zuerst des herrlichen deutschen Kaisers zu gedenken.

Die Schilderung der Wirren und Leiden der Revolutionszeit und der ihr folgenden Jahre allein lohnt die Lektüre. Ein historisches Dokument ist dieses Buch allemal, erlebte und erzählte Geschichte. Die Schilderung etwa des Judenpogroms könnte auch heute noch in Schullesebüchern Aufnahme finden.

Alle außer den Bolschewiki, so lernt Pawel, sind „grimmige Feinde der Arbeiter“, denen gegenüber es „kein Pardon“ geben darf. Und Pawel lernt das Töten, zunächst das von Polen, die in das junge Sowjetrußland einfallen. Pawel muß töten für den Weltfrieden. „Er war nicht böse, nicht grausam, aber er wußte, daß diese von den Weltschmarotzern geschickten betrogenen und aufgehetzten Soldaten in tierischem Haß auf die heimatliche Republik eindrangen.“ (S. 146) Da muß man „mal die Polskis abknallen“ (S. 151). „Schlagt sie, die Schweine!“ (S. 166)

In einer Episode wird erzählt, wie die roten Soldaten die Vergewaltigung einer Frau verhindern und die Schuldigen erschießen. Auch Gefangene werden verschont. Ein Vierteljahrhundert später läuft das dann anders ab.

„Die Partei steht über allem.“ (S. 152f.)  Daher ist Pawel „für diese Gestalt des Revolutionärs, für den das Persönliche nichts ist im Vergleich zum Allgemeinen“ (S. 330). „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ – aber das steht in einem anderen Buch.

Eine Verwundung zwingt Pawel ins Lazarett, das Schreiben übernimmt hier die Ärztin, deren Tagebuch zitiert wird. Eine fragwürdige literarische Konstruktion, da auf diese Art das Lob von Pawels imponierender Willenskraft und seinem Heldentum den peinlichen Beigeschmack des Selbstlobs erhält. – Pawel erblindet auf dem rechten Auge. „Wäre lieber das linke Auge blind. Wie soll ich jetzt schießen?“ (S. 171) Was sind das für Zeiten, die zu solchen Gedanken zwingen! Was aber auch für Menschen! Ein Gespräch über Bäume ist in diesen finsteren Zeiten nicht möglich. Aber die Bolschewiki sehen die Bäume auch gar nicht, sie kommen allenfalls als Festmeter Brennholz vor (überlebenswichtig!) Es tut dennoch gut, sich an Melchtals Klage zu erinnern, als er – in Schillers „Wilhelm Tell“ – von der gewaltsamen Blendung seines Vaters erfährt (I 4): „ihn erquickt nicht mehr / Der Matten warmes Grün, der Blumen Schmelz, / Die roten Firnen kann er nicht mehr schauen“.

Pawel begegnet seiner Jugendliebe Tonja wieder und nimmt sie mit in die Komsomolversammlung. Da sie elegant gekleidet ist, „erinnert“ „die Puppe“ „an Bourgeoisie“. Ihr „herausfordernder Individualismus“ (S. 172) ist Pawel unerträglich. Ganz von fern sieht man die Mao-Bibeln schwenkenden Jugendgarden, hört man den Schritt der Roten Khmer, für die eine Brille ausreichte für ein Todesurteil.

Die Beziehung muß scheitern: „Und ich würde ein schlechter Ehemann sein, wenn du meinst, ich gehöre vor allem dir und erst danach der Partei. Ich werde immer zuerst der Partei gehören.“

„… Tscheka? Sympathische Institution“. „Pawel verbrachte Tage und Nächte bei der Tscheka, wo er verschiedene Aufträge ausführte.“ (S. 173f.)  Ostrowski bleibt hier merkwürdig vage, vom Charakter dieser „verschiedene[n] Aufträge“ erfahren wir nichts, während die Aktivitäten anderer Lebensabschnitte detailliert geschildert werden. Der heutige Leser kann sich diese Lücke füllen, um so mehr, als man dem Gegner durchweg die Menschenwürde oder gleich das Menschsein abspricht: Reptil, Läuse, ausrotten, ausbrennen – dies das gängige Vokabular (das auf der anderen Seite natürlich nicht anders aussah: A la guerre comme à la guerre – das gibt es auch auf Russisch: Na woinje, kak na woinje).

Aber es genügt nicht, kein Gegner zu sein. Leidenschaftliche Unterwerfung unter die Doktrin der Partei wird verlangt. Da ist z. B. der Facharbeiter Chodorow: „auf seinen Beruf verstand er sich vorzüglich, und seine Pflichten versah er gewissenhaft“, aber er „beteiligte sich nicht am gesellschaftlichen Leben“ (S. 254). Das wird ihm beinahe zum Verhängnis, als er einen Komsomolzen zurechtweist, der ohne Öl bohrt und damit die Maschine zerstört (gehört ja aber jetzt allen). So langsam reißt aber unter den Genossen der Schlendrian ein: Man übernimmt zwar die Werke und Villen, die damit verbundene Arbeit scheut man denn aber doch. Es ist leichter, Revolutionär zu sein als diszipliniert zu arbeiten. Ein Abbild Stachanows oder Henneckes brachte es nie auf ein T-Shirt, allenfalls in die Rote Ecke der Fabrikhalle (wo hinter dem Bild der Wodka versteckt wurde).

Die Liebe untersagt sich der perfekte Genosse. „… zum erstenmal kam ihm der Gedanke, daß Rita durchaus nicht nur Büromitglied des Gouvernementskomsomolkomitees war, sondern …“ (S. 181) Aber solche Gedanken verbietet er sich sofort als „sündig“, bemerkt aber doch mehrfach im Roman, wenn sich eine Bluse über Brüste spannt (was wir als Schüler als die einzig interessanten Stellen des Buches vergnügt registrierten). Mit dem Widerspruch, daß Rita „Politleiter und dabei doch eine Frau“ ist, vermag er nicht fertig zu werden. Rita allerdings denkt ähnlich, ihr Tagebuch befaßt sich vor allem mit Dia/Mat (d. i., für „Wessis“ sei’s gesagt, Dialektischer Materialismus, eines der Hauptfächer des Parteilehrjahres) und Parteigeschichte. Schließlich siegt der Genosse über den Menschen: Pawel trennt sich von ihr.

Sein Bruder, der „angestammte Proletarier Artjom" hat inzwischen geheiratet, aber gar nicht klassenbewußt in eine Kleinbürgerfamilie, in der sogar noch gebetet wird. Pawel wird seine Ehe dann später „eine kommunistische Fraktion“ und seine Frau „Genossin“ nennen. Eine frühere, nunmehr dem Lotterleben der Bourgeoisie verfallene Freundin, nunmehr diplomatisch geschützt, wird klassenmäßig abgefertigt: „Wer braucht Sie schon? Sie krepieren auch ohne unsere Säbel am Kokain. So eine wie Sie würd ich nicht mal als Gelegenheitsweib nehmen.“ (S. 265) Überhaupt sind alle Nichtkommunisten charakterlich minderwertig.

Der Klassenkampf greift tief in die private Lebensweise ein. Das bürgerliche Rauchen wird verdammt (den endgültigen Sieg darüber errangen die Bolschewiken erst in der BRD unserer Tage), der Zote wird Einhalt geboten – hier böten die zeitgenössischen Medien noch ein breites Betätigungsfeld. Das Küssen und Flirten allerdings scheint nicht auszurotten sein, trotz aller ideologischen Bedenken dagegen. Auch hier wird wohl erst die Sumpfblüte der Geschlechterabschaffung durch die Genderideologie Abhilfe schaffen. (Zweifel bleiben angesichts biologischer Unterschiede erlaubt.) „… einer der aktivsten Komsomolzen […] hatte sich offensichtlich nicht um seine Schwester gekümmert und sie zu einer Spießerin heranwachsen lassen. Seit etwa einem Jahr besuchte sie die Abende bei ihren Freundinnen, auf denen man sich küßte bis zur Benommenheit.“ Wie anders Genossin Anna zu Pawel: „Magst du nicht mit zum Plenum des Stadtsowjets? Zu zweit ist’s lustiger“ (S. 268). Geküßt wird dort sicherlich nicht, wie denn auch das öffentliche Küssen befreundeten sozialistischen Staatsoberhäuptern überlassen wurde.

Aus den Kirchen werden – im besten Falle – Jugendklubs, Villen werden zu Parteizentren. Aber es gibt da noch weitere Begehrlichkeiten: „Den deutschen Siedlern in der Waldsiedlung Maidan-Villa ging es gut. Die wohlhabenden Kulakenhöfe …“ sind eben nach Ansicht der Stadtbolschewiki nicht das Ergebnis angestrengter und disziplinierter Arbeit, sondern Produkt der Ausbeutung. Man wird die Deutschen vertreiben, das Land kollektivieren und in die Hungersnot treiben.

Vormilitärische Ausbildung füllt die Freizeit der jungen Leute. Aber „die Politik des Landes [gelte] dem Frieden, nie werde man gegen ein Nachbarland Krieg führen. „Tod den Feinden der Sowjetmacht!“ Abweichende Meinungen kommen eben von „Faschisten“. Diese Keule ist als Staffelstab in der Gegenwart angekommen. Eine Diskussion gewinnt allemal der, der den andern zuerst Nazi nennt.

Nachdem alle Banditen „ausgerottet“, ihre „Nester ausgebrannt“ und ihre Führer wie Trotzki entmachtet oder liquidiert worden sind, kann man sich endlich ausführlich Versammlungen aller Art widmen. Statt der Abschnitte kann man auch die entsprechenden Nummern der „Prawda“ lesen: „Im Kampf gegen kleinbürgerliche Strömungen marschieren wir unter der Fahne Lenins zum Sieg!“ (S. 316). Der Redner „erhielt rasenden Applaus“. Der Bericht über Lenins Tod nimmt alle Symptome des künftigen Personenkults vorweg.

Sehr beeindruckend nun allerdings die Schilderung eines Arbeitseinsatzes: Gleise müssen vor Wintereinbruch gebaut werden, damit die Stadt nicht erfriert. Hier sind die Komsomolzen und Parteimitglieder nun tatsächlich die ersten und schließlich die einzigen, die sich den unglaublich harten Bedingungen (Kälte, Typhus, Hunger, Schwerstarbeit, bewaffnete Überfälle) stellen und sie überwinden. Dergleichen Arbeit wird dann später den Archipel Gulag prägen. Aufopferung für die Gemeinschaft ist eben auch ein Merkmal dieser frühen Revolutionäre, deren Selbstlosigkeit dann später vom Parteiapparat mißbraucht werden wird. Dieses Heldentum der Arbeit vor allem war es, das den jungen Lesern Vorbild werden sollte.

Bevor man an die Arbeit geht, verhaftet man erst einmal die verantwortlichen Spezialisten (die in diesem Falle wohl wirklich sabotierten) – auch dies wird ein Ritual in der Sowjetunion.

Kortschagin erkrankt schwer und unheilbar an den Folgen seiner Verwundung, erblindet, wird gelähmt. Er formuliert das so: „An der Front des Kampfes um die Gesundheit mußte ich weitere Niederlagen einstecken.“ Aber das Schreiben ermöglicht ihm, dahin zurückzukehren, „wo sich die eiserne Lawine des Sieges entfaltet“ (S. 369) – auf dieses Sprachbild muß man erst mal kommen.

In der bereits zitierten Literaturgeschichte von Timofejew, der dem Roman ein ganzes Kapitel widmet, wird uns gesagt, wie wir das Buch erst so recht verstehen könnten, nämlich dann, „wenn wir ihn auf den Anfang der dreißiger Jahre beziehen, d. h. auf die Periode des ersten in vier Jahren erfüllten Fünfjahrplanes und auf den Beginn des zweiten Fünfjahrplanes, auf die Periode des Sieges des Sozialismus auf allen Gebieten der Volkswirtschaft, von der Stalin im Jahre 1933 gesprochen hat“[2], und er nutzt die Gelegenheit, Boleslaw Prus einen Tadel zu erteilen, weil sich bei ihm ein Revolutionäre angesichts einer ausweglosen Situation selbst erschießt. „Einem Menschen von der Art Kortschagins hätte derartiges nicht geschehen können; er hätte gewußt, daß sein Leben wie auch sein Tod nicht nur ihm gehören. Er hätte bis zum Schluß ausgehalten und die Kugel gespart, um sie auf den Feind abzufeuern. Ihn hätte die richtige Perspektive gerettet [!]; die dem Helden bei Prus fehlte.“

Als Zeitdokument ist dieser Roman allemal informativ. Er imponiert durch die Willenskraft des Protagonisten. Und er klärt auch die Frage, warum die Bolschewiken siegen konnten. Mit Gewalt, gewiß, aber die hatten die andern auch. Aber eben auch dadurch, daß sie die Not des Volkes und seine Wünsche kannten. In dieser Zeit taten sie etwas: brachten Brennholz und Mehl und Hoffnung.  Die wurden dann abgelöst durch Kälte und Hunger und Verzweiflung.

Kurz vor dem Zusammenbruch wurde den Fernsehzuschauern in der Sowjetunion und dann auch in der DDR eine Neuverfilmung des Romans vorgesetzt. Aber das Hohelied der persönlichen Aufopferung für ein fernes Menschheitsglück verfing nicht mehr. Der Alltag im real existierenden Sozialismus hatte die Ideale aufgezehrt.

 

Reiner Kunze
 
ERSTER BRIEF DER TAMARA  A.
 
Geschrieben habe dir
Tamara A., vierzehn jahre alt, bald
Mitglied des Komsomol
 
In ihrer stadt, schreibe sie, stehen
Vier denkmäler:
            Lenin
            Tschapajew
            Kirow
            Kuibyschew
 
Schade, daß sie nichts erzähle
Von sich
 
Sie erzählt
Von sich, tochter.


[1] Ostrowski, Nikolai: Wie der Stahl gehärtet wurde. Leipzig: Reclam jun. 1981. (Das Exemplar mit einem Stempel: Freiexemplar der Bertolt-Brecht-Oberschule)

[2] A. a. O. S. 307

 






Kommentar zu dieser Seite hinzufügen:
Ihr Name:
Ihre Nachricht: