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Vasco Cabral

Vasco Cabral
1926 Geboren in Farim (Guinea-Bissau), studierte am Institut für Ökonomie und Finanzen an der Technischen Universität von Lissabon. Schrieb Prosa, Epik, Lyrik, politische und kulturpolitische Texte, auch Fachartikel zur Ökonomie.
Begann mit politischer Tätigkeit nach 1944, gemeinsam mit Amílcar Cabral, Neto, dos Santos und Andrade. Mehrfach verhaftet, Teilnahme am Kampf der PAIGC (s. A. Cabral), organisierte das Wirtschaftsleben in den befreiten Gebieten.
Nach der Unabhängigkeit hohe Funktionen in Partei und Regierung, vor allem auf dem Gebiet der Wirtschaft.
Cabral starb 2005 in Bissau.


Der Kampf ist mein Frühling


Afrika! Steh auf und geh!

Afrika, Mutter,
gequält,
getreten,
geschlagen bis zu Tränen!
Vertrau und kämpfe,
und Afrika wird eines Tages unser sein!

Wenn mein Ruf bis in die Wälder dringt
und das rhythmische Tam-Tam der Trommeln die Brüder zum Kampf ruft,
wenn wir uns wie ein Mann entscheiden, uns nicht mehr zu beugen,
und erreichen, daß der Weiße uns als seinesgleichen gehandelt;
wenn auf jede Gewalt der Schrei unserer Empörung antwortet
und unser Ruf das Herz und das Bewußtsein der Massen erreicht
und wie ein elektrischer Strom im gleichen Treffen
die schwarzen Träger und die schwarzen Bauern vereint,
wenn jedes Losungswort erfüllt ist
und unsere Stimme und unser Wille frei werden
wie ein Vogel im Raum,
wenn in jeder Seele des Schwarzen das Lächeln des Sieges strahlt
und aus jeder Fabrik ein Losungswort kommt
wie ein Ruf des Kampfes und der Hoffnung.

Wenn auf die Peitsche des Aggressors
die Gerechtigkeit unserer Hände antworten will
und unsere Töchter und Schwestern
aufhören, die Sklavinnen des Herrn zu sein
(Herr des Bodens und Herr des Lebens),
wenn jeder Freund, sei er weiß oder gelb,
als Bruder behandelt wird
und wir ihm die Hand reichen, als wäre er schwarz,
und Seite an Seite mit ihm im Kampf stehen.
Oh! Wenn in unseren Augen der Stolz erglänzt
und der Wille zu einem menschenwürdigen Leben unerschütterlich ist
wie ein Fluß, der überströmt ohne Ende.
Das ist so, weil mein Ruf die Wäler erreichte
und die Brüder erweckte zum rhythmischen Ton des Tam-Tam.
Wach auf, Mutter Afrika!
Und du wirst meine Mutter sein.

Wach auf, schwarzer Bruder!
Und du wirst mein Bruder sein,
weil wir den Weg des Sieges fanden.

Mutter Afrika!
Gequält,
getreten,
geschlagen bis zu Tränen!
Vertrau und kämpfe,
und Afrika wird eines Tages unser sein!
   (1955)


Ein Kämpfer nimmt Abschied

Ich ging, du bliebst, es war ein Nachmitttag,
Schmerz der Erinnerung war tief in uns noch da,
als ich der Wahrheit Tränen bei dir sah
und Weinen in der Seele bitter lag.

Mein Abschied war der Schmerz, der dir geblieben,
Doch ich will mehr als einer Liebe Glück.
Ich muß von dir zu meinem Volk zurück
und nicht nur dich - die ganze Menschheit lieben.

Wenn du nun glaubst, du hast dich mir gegeben,
wenn alles andere für dich nicht zählt,
So hat ein falscher Traum dich kurz gequält.

Doch wolltest du mich für ein ganzes Leben,
war ich dir der, auf den du hast gezählt,
mußt du dein Schicksal in das aller weben.
   (1955)


Laßt uns gehen!

Vorwärts laßt uns gehen,
bis vorbei die Not,
denn unentschieden stehen,
das bedeutet Tod.

Vorwärts laßt uns gehen
bis zum Sternenlicht.
Aus unsren blut'gen Wehen
das bessere Leben bricht.
   (1956)


Kaleidoskop

Ein Schwarzer,
ein Weißer,
eine feste Umarmung,
das gleiche helle Lächeln.
Das Denken: grüne und weiße Fahnen.

Ein Gelber,
ein Schwarzer,
Schicksale, die sich verbinden,
das gleiche rote Blut.
Das Denken: grüne und weiße Fahnen.

Ein Weißer,
ein Gelber,
ein Händedruck,
der gleiche menschliche Schmerz.
Das Denken: grüne und weiße Fahnen.

Ein Schwarzer,
ein Gelber,
ein Weißer -
der gleiche Mensch
in den Farben des Kaleidoskops:
das gleiche helle Lächeln,
das gleiche rote Blut,
der gleiche menschliche Schmerz.
Das gleiche Denken: grüne und weiße Fahnen.
   (1957)


Sie sagten mir, halt an …

Sie sagten mir, halt an, halt an,
weil der Weg so müde macht.
Ich wollte nicht halten
und lenkte auf die Straße
die Schritte der Hoffnung.

Sie sagten mir, ich solle weinen, weinen,
weil das Leben Schmerz ist.
Ich begann zu lachen, lachte
wie ein Verrückter
und sang auf der Straße
ein Freiheitslied.

Sie sagten mir, ich solle fliehen, fliehen,
weil das Leben Langeweile ist
und auch die Rose verwelkt.
Sie wollten mir die Augen verbinden,
damit ich blind bin, blind.

Aber mit meinen Füßen konnte ich sehen
und ging auf die Straße mit Schritten der Hoffnung,
bis diese Augen die Dunkelheit durchbrachen
und die künftigen Zeiten sahen,
und so nahe bei mir, so nahe,
sah ich blonde Kinder
die Arme öffnen für meine schwarzen Söhne.
   (1957)


 

Der Bettler

Die Hände des Bettlers,
diese Hände, die sich nach mir ausstrecken,
haben ihre Geschichte:
eine Geschichte,
die in das Öhr einer Nadel paßt.

Diese Hände, die auf mein Almosen warten,
berührten niemals den Duft der Rosen,
sie kennen nicht die Geheimnise der Blüte.
Diese Hände, die sich nach mir ausstrecken,
die unglücklichen, die bittenden,
im stummen Gebet,
waren einst schon die armen Hände des Kindes.

Ich gab das Almosen
und ging.
Ging, um nicht das Flüstern des Schmerzes zu hören,
nicht die Geschichte der zehn Finger,
die in das Öhr einer Nadel paßt.

Diese Hände, die sich nach mir ausstrecken,
sind wie ein nächtlicher Alptraum.
Bis einst Millionen von Händen
den Duft der Rose kennen
und die Geheimnisse der Blüte.
Bis jede menschliche Geschichte
zumindest die Fläche einer Hand umfaßt.
   (1957)

 


An die Dichter

Poet! Das Leben it das beste Gedicht.
Mach aus dem Vers den Pflug der tausend Schare.
Wir wollen die fruchtbare Erde sehen.
   (1960)  


 

Daten

Es gibt Daten, die nicht nur eine Ziffer sind, ein Monat oder ein Jahr.
Es gibt Daten, die in uns leben.
Sie leben mit unserem Vertrauen, unserer Wärem.
Sie leben wie die Lymphe in unserem Blut.
(Meine Kindheit, oh Erwachen!)

Es gibt Daten, die sprechen, als hätten sie einen Mund,
und sie lassen eine Spur tief in der Seele
wie eine Narbe im Gesicht.
(Die Trauer und der Schmerz der Schrecken des Krieges!)

Einen Regentag vergessen die Menschen schnell.
Aber der Tag der Hochwasser lebt in den Herzen der Armen
wie die Trauer der nackten Bäume im Herzen des Dichters.
Wie ein zielloser Schrei, der die Himmel durchstieß,
im Herzen der Menschen lebte.

Ein Tag des Friedens scheint ein gewöhnlicher Tag zu sein,
aber er ist wie ein Lobgesang mit der Stimme des Frühlings,
ein Tag des Friedens ist niemals ein gewöhnlicher Tag!
   (1960)

 
Der Kampf

Der Kampf ist mein Frühling.
Lebenssymphonie:
der schrille Schrei der Flüsse,
das Gurgeln der Quellen;
der Gesang der Steine und Felsen,
der Schweiß der Sterne
und die harmonische Linie eines Schwans.
   (28.10.1961)

 

Freiheit

Welcher Wind atmet im Herzen der Menschen?
Welche Angst
treibt die weiße Taube durch den Raum?
Welcher Schmerz erdrückt
den Schmerz in der Seele der Unterdrückten?
Welche Tränen,
welche Wunden,
welches Blut fließt,
so leicht vergossen
aus dem unendlichen Meer des Lebens?
In jedem Wind bist du.
In jeder Angst ist deine klare Form.
Und in den Tränen
und in den Wunden
und im Blut
und in den Körpern
und in der Empörung
und im Schrei der geschändeten Mädchen -
und dein flammendes und schönes Gesicht
blickt auf die Hoffnung wie der Anblick des Mondes.
Oh Freiheit!
   (4.1.1962)


Wo ist die Poesie?

Die Poesie ist auf den Flügeln der Morgenröte,
wenn die Sonne sich erhebt.

Die Poesie ist in der Blume,
wenn sich die Blütenblätter öffnen
für die Tränen des Taus.

Die Poesie ist im Meer,
wenn die Welle heranbraust
und brandet und sanft
den Sand des Strandes küßt.

Die Poesie ist im Gesicht der Mutter,
wenn unter Schmerzen
das Kind geboren wird.

Die Poesie ist auf deinen Lippen,
wenn du vertrauensvoll
dem Leben zulächelst.

Die Poesie ist im Kerker,
wenn der zum Tode Verurteilte
die Freiheit lobpreist.

Die Poesie ist im Sieg,
wenn der Kampf zum Triumph führt
und der Frühling kommt.


Die Poesie ist in meinem Volk,
wenn das vergossene Blut
zu Kugeln und Blumen wird,
zu Kugeln für den Feind,
zu Blumen für die Kinder.

Die Poesie ist im Leben,
weil das Leben Kampf ist!

   (3.10.1970)


Indiskret

Eines Tages fragte ich
eine Blume im Busch:
Wer ist deine Liebe?
Und die Blume antwortete mir:
Meine Liebe ist die Sonne.
Eines Tages fragte ich
einen Fisch im Meer:
Wer ist deine Liebe?
Und der Fisch antwortete:
Meine Liebe ist das Wasser.
Eines Tages fragte ich
einen Vogel, der vorüberflog:
Wer ist deine Liebe?
Und der Vogel antwortete:
Meine Liebe ist die Luft.
Eines Tages fragte mich jemand:
Wer ist deine Liebe?
Und ich sagte ihm:
Ich habe zwei Lieben,
vereint in einer Gestalt:
mein Volk und die Freiheit.
   (1972)


Pindjigiti

3. August
1959

Bissau erwacht unruhig
aus dem Schlaf der Nacht.

Ein Wind des Todes weht
am Kai von Pindjigiti.

Und plötzlich
das Flammen von Blitzen,
das Dröhnen des Donners.

Mein Volk stirbt,
hingemordet
am Kai von Pindjigiti.

Klagende Stimmen,
Drohungen und Flüche
erfüllten den Raum
mit einem Chor der Ohnmacht.

Mein Volk stirbt, hingemordet
am Kai von Pindjigiti!

   (Januar 1972)


Widerspruch

Das Leben zerstört die Liebe
wie ein Sturm einen klaren Tag.

Du bliebst auf dem Weg
wie eine welke verlassene Rose.

Und ich war auf der Suche nach unendlichen Horizonten,
nach dem Ende der Kämpfe,
nach neuen Hoffnungen,
nach neuen unergründlichen Wege.

   (7.7.1972)


Geh nicht diesen Weg, mein Volk

Sie bedeckten dir die Erde mit dem Dunkel der Nacht,
sie befleckten dir den Körper mit Unrat und Kot,
sie lehrten dich flehen
auf der Erde der Henker.
 
Geh nicht diesen Weg, mein Volk!
Das kann nicht dein Weg sein!
 
Die Blutsauger des Hasses
schröpften dein Blut,
dörrten dir dein Fleisch
bis zu Tränen aus.
Sie erwürgten deine Seufzer
bis zu den Wurzeln.
                                                             .
Geh nicht diesen Weg, mein Volk!     ,
Das kann nicht dein Weg sein.

Geh den Weg der Sonne,
geh den hellen Sternenweg
in der Bewegung der Gestirne.
Bedecke deinen Körper mit dem goldenen Mantel der Freiheit,
kleide deine Seele in einen klaren Schleier.
 
Und die aufgestandene Front
und der feste Arm -
ergreife deine Waffe
und zerreiße mit einem Schrei den dichten Mantel der Nacht,
damit die Morgenröte kommt!
  
   (14.4.1974)


Anti-Holocaust

Wenn das Universum
sich fassen ließe
in einer Verszeile
und man es
umwandeln könnte
in eine Wiese
wäre es ein Glück
und eine Freude
für die ganze Menscheitö

Anstatt Krieg
gäbe es Frieden
für jeden auf der Erde!

   (März 1983)


Frei sein

Oh! Wie gut wäre es
die Falken in Tauben zu verwandeln
und sie den Frühling rufen zu lassen.
Oh! Wie sehr wollte ich
den Mund der Morgenröte küssen
und mit den Fingerspitzen zärtlich
das Haar der Zukunft berühren,
damit Frieden und Freiheit
die Welt umspannen.

   (Juli 1983)


Septemberblume

Gelächter erklingt
und die Gesänge der Kinder.
Es gibt neue Hoffnungen am Horizont.

Überall reden die Leute,
springen Ideen wie reiche Früchte,
leben in den Gedanken die Zukunftsträume.

Schon entschwand aus den Lüften der Kondor der Angst.
Niemand wird noch Ketten kennen.
Die Sonne strahlt schon in den Versen,
weil das Volk arbeitet und singt und lacht
und der Wald kein Geheimnis mehr hat.

Und das Echo kommt von den Kämpfen im Busch,
kommt von Tombali, von Como und kommt von Nhaga.
Es bringt einen Hauch des Lebens und der Hoffnung
Und nicht die Böen und brechenden Stürme.

Jetzt ist es das Volk, das den Busch belebt,
und es ist Herr und Herrscher.
Das Volk baut im Dorf das Krankenaus,
und auf der breiten Straße Cabrals
bricht man die fruchtbare Erde mit dem Traktor.

Von weit kommt das Echo und ist doch nah.
Es pulsiert im Herzen von Cassacá,
weil der September im Herzen des Volkes blühte
und ihm die Botschaft vom neuen Menschen brachte,
der viel erfleht, aber alles gibt,
damit das Leben ein offenes buch ist,
damit es blüht und vorwärts geht und schafft ohne Ende
und damit die Partei ein großer Strom wird
der Liebe, der Einheit und der Hoffnung
und wie ein Feuer, das rauchlos flammt,
uns in die Zukunft leitet,
uns die Kraft eines Giganten gibt
und uns vorwärts bringt und vorwärts und vorwärts!

   (Januar 1984)

 
Festigkeit
(Gewidmet dem Andenken und dem Heldenmut Julius Fuciks)

Die Henker quälten mich.
Immer mehr Schläge,
mehr Beschimpfungen,
mehr Gemeinheiten.
Und ich sagte zu den Henkern:
Erst morgen werde ich reden, heute nicht!

Am Morgen stärkere Torturen,
mehr Beschimpfungen,
mehr Gemeinheiten.
Und ich sagte zu den Henkern:
Erst morgen werde ich reden, heute nicht!

Am nächsten Morgen stärkere Torturen,
mehr Beschimpfungen,
mehr Gemeinheiten.
Und ich sagte zu den Henkern:
Niemals werde ich reden. Gestern vielleicht, heute nicht!

Und in meinem Innern erklang
Das Gelächter des Todes.
Der Rest ist Schweigen!

   (April 1985)
 

Atomkrieg, Krieg der Sterne

Und danach?
Nichts!
Das Schweigen.
Die Kälte
und die ewige Nacht,
der Tod ohne Ende.

Atomkrieg,
Krieg der Sterne!
Und danach?
Nichts.
Nicht einmal gequälte Körper
nicht einmal
eine Zeitung auf einem Tisch,
um zu berichten vom Geschehenen.

Und danach?
Nichts!
Die ewige Nacht
der Tod ohne Ende.

   (Havanna, April 1988)





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