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Hélder Proença

Hélder Magno Proença wurde 1956 in Bolama geboren. Er besuchte die Primar-und Sekundarschule in  Bissau. Er war Verantwortlicher für Erziehung im Sektor Bolama und Lehrer am Lyzeum in Bissau. Die erste Lyrikanthologie des Landes entstand unter seiner Mitwirkung, daneben veröffentlichte er Gedichte in Zeitschriften und 1982 den Lyrikband Não posso adiar a palavra.
Er war Mitglied des ZK der PAIGC.
2009 wurde er bei einem der zahlreichen Putsche (nur dann erscheint das Land mit einer kurzen Meldung in der Weltpresse) erschossen.


Epigraph

Es gibt keinen Raum,
der mein Herz nicht füllte,
es gibt kein Vaterland, das nicht allmählich
wie eine Blume in meine Brust mündete.
Ich habe in mir
den gleichen Raum
wie der Mensch, der sich erhebt
in der Blüte des Morgens,
der nicht aufhört, geboren zu werden.


Verdammt mich nicht

Verdammt mich nicht,
weil ich geträumt habe von der Sonne,
anstatt die Nacht zu singen
und die Sternbilder, die vorüberziehen
an diesem Himmel, beladen mit Trauer.

Verdammt mich nicht,
weil ich einem anderen Lächeln geglaubt habe
auf dem Gesicht dieser Menschen,
trotz des geronnenen Blutes
in deinem Inneren.

Verdammt mich nicht,
weil ich diese zerbrechlichen Hände
zwischen Traum und Utopie gelegt habe,
Farben erfindende, Samen und Leben über den Feldern.

Verdammt mich nicht,
weil ich es abgelehnt habe, die Sinne zu prägen
in der hungrigen Struktur des Mannes,
die Skelette von Kind und Frau,
die sich umarmen
in der Perspektive des schicksalhaften Todes.

Verdammt mich nicht,
weil ich den Kindern gesagt habe,
daß sie die Straße verlassen
und mit den Schmetterlingen spielen sollen
und daß sie in den schrillen Kehlen
die Morgen umarmen, die öffnen
enthüllende die Umrisse unseres Vaterlandes,
mit seinen kindlichen Gesten die Erde riskierend
in einem Blinde-Kuh-Spiel.

Verdammt mich nicht,
der Jugend befohlen zu haben,
daß sie das Blut stillt,
das über deinen Körper strömt - seit Jahrtausenden -
weil man ihn behandelt wie eine Quelle der Schmerzen und Klagen.

Verdammt mich nicht,
weil ich gesagt habe - in jener Nacht -
(fast als Geheimnis),
daß die Geschichte nicht erfunden wird
aus dem gemarterten Körper,
aus der unsicheren Gruft
und der gehißten Flagge
in einem Meer von Blut.

Verdammt mich nicht,
weil ich gesagt habe,
daß es die Stunde ist unserer Wälder und Hügel,
unserer Geschichten und unseres Gesangs,
die sich begegnen auf den Feldern der Liebe und der Brüderlichkeit,
und daß sich eben dort
unauflöslich verbinden
Flüsse und Träume,
Flöten und Stimmen
wie eine Hymne
zur Feier der Welt des Menschen
aus der tropische Frische deiner Kultur!


Wenn ich dich suche

Ich sehe dich in allen Gesichtern, wenn ich suche.
Geh in die Menge, ich begegne dir.
So tief wie die Hoffnung.
In jedem Kinde
wächst dein Gesicht gelassenund versprechend
wie die Zukunft.

Wenn ich dich suche
begegne ich dir im Mann
der sich sucht.
In den Kämpfen
in den Händen, die schmerzhaft die Erde aufbrechen
in den Tränen, die die Sonne erschüttern
in den Schritten, die den Weg finden wie das Eisen
begegne ich dir wie das Leben, wie die Blume!

Wenn ich dich suche
begegne ich dir in den grünen Alleen, die über sich hinauswachsen
in den Adern der Blumen
in der sanften Farbe der Seen
im kräftigen und durchscheinenden Duft der Atmosphäre
im geraden uind steten Blick der Hoffnung
ich finde deine Gegenwart
durchsichtig und stark wie der Frieden!
Ich finde dich in allen Gesichtern, wenn ich dich suche
In der ewigen Sinfonie des Sieges
im roten Gesang des Menschen
in der Morgenröte, die wächst und wächst wie das Leben
begegne ich dir. Brennend und tief wie die Liebe!

Zwischen der Menge, die drängt
zwischem Lied und dem Blut, das weint
suche ich dich und finden deinen teuren Namen
Freiheit!


So atmet meine Heimat

Auf den grünen und ewigen
Ebenen meiner Heimat
zwischen den mäandernden Flüssen
zwischen Hügeln, Wäldern und den Trommeln
meiner tropischen Landschaft
gibt es ein Volk, das sich erhebt
zur Höhe der Sonne
und der gelassenen Morgen

Ein neues Lächeln ist
in jedem Gesicht
eine neue Hoffnung
in jeder Brust
und deshalb atmet meine September-Heimat und wächst!

Meine Heimat
hat den morgendlichen Glanz der Seen
die schlängelnde Frische der Flüsse
und die unbändige Wildheit unserer Gezeiten.

Unsere Felder
unsere Bambus- und Schilfhäuser
unsere Städte aus Ziegelhäusern und noch blassen Lichtern
unsere Mägen, stets leer
und noch zu füllen
unsere frühreifen und zarten Kinder
unsere Alten, geduckt durch Falten und Starre
Flüchtigkeit der Zeit
sie atmen noch
Fruchtbarkeit des Beharrens, der Märtyrer
die in jedem August das Jahrhundert
unseres heroischen Stromes Geba eröffnet

Und so schaffen wir unsere Sonne
in jedem Schmerz
tausend Lächeln
in jedem Gefährten
ewige Hoffnungen
in jeder Frau eine Mutter
und tausende Hände, die neue Horizonte entdecken

Und so weben wir unser Morgen
von Eisen und geschlagener Heimat
es sind die Farben unseres Lebens
in denen die Jugend gestählt wird
- brennend und ruhmreich in der klopfenden Brust des Künftigen -


So atmet unsere Heimat
weil ihre Geschichte
die Größe
der Lebenszeit des Menschen hat!


Regen

Regen fällt
das Grün
überflutet die Ebenen
mit seinen Spielarbeiten der Hoffnung und des Lächelns

Die Felder meiner Heimat blühen auf!

Regen fällt,
aus den ärmlichen Hütten
treten die Frauen, die Männer, die Alten
mit ihren Lumpen

Die Felder meiner Heimat kündigen einen neuen Morgen an!

Regen fällt
die Kinder stürmen der Zukunft zu
mit ihrem Lächeln der Brüderlichkeit
und nackten Bäuchen

Der Duft von Überfluß überschwemmt meine Heimat!

Regen fällt
Rufe und Trommeln aus meinem Afrika
erschrecken die Götter des Hungers
wilde Blumen
liebkosen die Sanftheit unserer Seen

Meine Heimat ist ein farbiger Garten
tätowiert mit tiefem Grün
und erhalbenem Gelb!
Regen fällt
die Morgenröten werden ruhiger geboren
mit Tupfen von Vögeln und Hoffnungen!


 

Ich glaubte, daß alles zu Ende sei

Ich glaubte, daß alles zu Ende sei
seitdem mich das Würgen quälte
in jeder Strophe des Gedichts
seitdem ich das Blut fühlte, das Lächeln und den Schmerz
die sich mit dem Gesang vermischten

Ich glaubte, daß der Tag vorbei sei
zusammengesetzt aus Stein und Wasser und Luft
folgend den Linien des Feuers
und neue Morgen entwerfend, die sich ankündigte,
gelassen und ruhig.

Also entschied ich, mich von der Poesie zu veranbschieden
aber der ganze Mensch erschien mir
mit seinen Schmerzen
mit seinen Hoffnungen
mit seinen Formeln und Frustrationen
Also verstand ich
daß nichts vorbei war:
mit meinen Händen
reinigte ich das Blut
erneuerte die Natur und die Poesie
und ließ die Poesie wachsen
Ich fühlte mich an deine Tränen gebunden
rebellisches Lied
und der Vorgang erschien mir vollständig
mit seinen Anzeichen
mit seinen Zeichen von Dorn und Schaum

Das Gedicht, das sich in Anmut verströmte
der gebeugten Frau
in der Zärtlichkeit der Seen
erklang ein grüner Ton:
er wählte das Kind, das lächelte
besang die Schönheit der Hände, die der Erde Leben geben
verbreitete den wirklichen Truam ohne Nebel, unbemoost
Die Poesie erschien mit der Sprache der Menschen

Ein Schiff erschien im Meer der Qualen
wehrte die Tränen ab
löste den Schmerz
beschleunigte die Schritte
und ich, der sah, wie Eisen und Erde schmolzen
in einer Perspektive
von Brot für alle Münder
in einer Hypothese, da der Morgen dämmerte
ich verstand, daß nichts zu Ende war

und erst jetzt
konnten die Winde ausströmen
die andere Dimension der Zeit, die sich bewegte:
das Gedicht fühlte, daß es selbst sich verströmte im Kampf
und ich, der die Geschichte festhielt
fühlte, daß das Gedicht die Morgenröte auf die Lippen brachte
- es war die Bitterkeit und die Qual
der Menge, die ihre eigene Hoffnung schuf
ihre eigene Stimme
und ihren eigenen Morgen -

und erst jetzt konnte das Gedicht Stimme werden
von Pflug und Hammer
vom Kind, das den Hunger nur stillen konnte
mit seinem eigenen Tode
Stimme der Frau, die die Nächte fürchtet
und die verdammt ist, den Alpdruck der Nacht zu fühlen
auf ihrer Scham

Erst jetzt wurde das Gedicht
der schwarze Gürtel des Arbeiters ohne Arbeit
die Stimme der unruhigen Stadt
des schlaflosen Dorfes
der stöhnenden Fabriken
der ermüdenden Dienste
des Soldaten, der das Blut haßt
und der mit Gewehr und Dolch
das Leben behütet ... behütende villeicht
die unruhige Heimat

Und erst jetzt verstand das Gedicht
daß es selbst Poesie war
und daß nichts zu Ende war:
daß das Kind noch nicht geboren war
daß der Stern noch nicht leuchtete
als das Volk in die Geschichte eintrat
mit den Farben seines strahlenden Septembers!


Resignation

Ich unterwerfe mich dem Schmerz
mit einer Flagge auf Halbmast
ich träume von bitteren Tagen
Ich sehe am Horizont Flecke von Blut
ich höre ein dumpfes Klagen
das die anklagende Stille übertönt

Ich glaube, daß dieser Tag
nicht der war, den wir erwarteten …

Ich mag die Nebel nicht
ich betaste die harte Erde
mit heißen Händen und der Poesie
diese harte Wirklichkeit verbrennt mich
wo Gedichte und Tränen mich durchkreuzen

Ich unterwerfe mich den Klagen
den Trommeln, die nicht tönen
deinen harten Händen ohne Arbeit
diesem Mysterium, das uns bedroht

Ich bin ein Schiff, das
in einem Meer der Stürme scheitert!


Aufschrei

Jetzt bin ich nur
ein Atomteilchen
mit meinen verschämten Eitelkeiten

Jetzt bin ich nur ein Augenblick
der kleinen Angelegenheiten
mit einer flüchtigen Spur von Licht

Ich bin ein namenloser Prophet
der Hoffnungen und der sicheren Schiffbrüche

Erde und Trauer bleiben mir
als Zuflucht
es bleibt, den Schmerz mit einem unterwürfigen Lächeln zu erdulden
es bleibt die Sicht auf die Dämmerung des Elends
es bleibt, die Wirklichkeit deiner Tränen anzuerkennen
und, vielleicht, einen anderen Morgen zu erwarten


Die Blume, die ich besinge

Die Blume, die ich besinge
ist das Rosmarin unserer schon gelben Felder
sind die Blütenblätter deines Lachens
die das Grün meines tropischen Waldes zerreißen
Es ist die stolze Stimme des Corubal
der fröhlich über die grauen Felsen springt
von Saltinho
Es ist deine spontane Umarmung
dein Kuß
deine schlichte Art zu verzeihen und zu lieben
Es sind unsere stillen Seen
und unsere immergrünen Ebenen

Die Blume, die ich besinge
bist du, Blume
die der Planet Erde rufen hörte – Kind!
 

Stromschnellen des Corubal
 
Gesang für die geliebte Frau

Du bist wie eine Brise
wenn meine Blicke dich umarmen
Du bist das Rauschen der Wasser
die Geburt meiner Liebe
die Blume, die meine Träume streicheln

Du bist der Nebelstreif
eingebrannt in meine Brust
mein aufgewühltes Meer
das Feuer, das mich umflammt

Due bist die euphorische Melodie des Waldes
in meinen Armen
der Brand eines stillen Gewitters
das in deinem Körper klopft
feurig
sanft
auf- und abschwellend

Du bist der See
der meinen Körper erfrischt
die fruchtbare Erde
aus der ich erwachse
die scheue Zärtlichkeit
eines verzögerten Kusses
eines verborgenen Gefühls
in dieser Poesie
die dir
ein Stück dieses reinen Herzens bringt

Ich möchte umschlungen sein
von deinen Armen
ich möchte mich auflösen in der Illusion, daß du
die Welle bist, die meinen Körper bewegt

Ich möchte mich an dich überliefern
und mich doch weiter besitzen
in der Wollust deiner Brüste
und in einem sanften Organsmus
mich berauschen
wie eine Biene
saugend den Nektar deiner Lippen


Aus Rosen und Hoffnungen
baute ich die Silben
deiner Fibel
Mit zerstreuter Zärtlichkeit
über den sanften und weißen Blättern deines Körpers
erdrückte ich die Nachtstunden und Ekstasen der Verzweiflung

Ich fand mich wieder wie eine Seerose
in der Handvoll meiner Träume
und erhob dich völlig
wie die Poesie
über meiner Brust
die dich erwartet!
 

Laß zu, daß dieser Dauerregen
fällt
mit dicken und ängstlichen Tropfen
über deinen Frauenkörper

Laß zu, daß diese Hände
über dein tropisches Gesäß gleiten
und die Zärtlichkeit entdecken
der schlanken und schönen Frau
wie diese Erde, die ergrünt!


Und weiter brennt die Flamme
als sei aus Marmos
die Kraft und die Intensität ihres Strahlens
Und weiter glühen
rot diese schweigenden Rosen des Augusts
als seien aus Ewigkeit die Gewebe ihrer Blütenblätter
die auf den Flügeln der Zeit
mit Liebe
strahlen!


Ich möchte dich sprechen
in dem aufbegehrenden Ton einer verbitterten Liebe.
Noch immer fürchtet mein Herz die Nacht, seit du gegangen bist

Liebe, hinter deinem Schatten leuchtet mein schmerz.

Ich möchte dich sprechen
Ich möchte dich sprechen in stählernem und scharfem Ton
– weit von den Quellen und der sinkenden Sonne –

Liebe, ich möchte dich über diese Tränen lenken
die meine Augen verdorren lassen.

Ich möchte dich sprechen
im Kompaß, der die Agonie der B lüte zeigt
über den Händen von N'Dira, kindhaft und traurig.

Liebe, ich möchte, daß du die Bitternis mitnimmst dieser Erinnerung
bevor du gehst.


Ich fühle die Bitterkeit, dich zu verlieren an diesem verfluchten Abend
Mein Herz erlahmnt, während die Nacht singt
Du, die du in mir die Blüte warst
warum gehst du und läßt die Liebe verbluten?

Du bist gegangen und hast die Trauer gelassen
Die Zärtlichkeit verzehrt das Herz
Der Schmerz vermischt sich mit der Erinnerung

Über diese bleibenden Tränen webtest du ein Dunkel
Du flogst wie ein verletzter Vogel, in dir die Morgenröte
Diese falsche Hoffnung
Errichtet ohne Ziel!


Alles ist zu Ende
es ist Mai, und es regnet noch nicht
Selbst der Mond des April nimmt ab
in mir blieb nur die Erinnerung an deinen Kuß, den brennenden, sanften.

Die Morgen sind dunkel und flüchtig
Seit du gegangen bist, ist selbst die Helle verschwunden
in mir blieben nur verschwommende Töne und Klänge des Lichts

Alles ist zu Ende
Klagen, Stimmen über dem Dunkel
die Winde seufzen unter einem erstarrten Himmel

Liebe, ich will alles löschen. Dein Bild
und selbst den Kern deines Schattens.


Schmerzanfall
in zehn Gesängen
mit Erde und Tränen

   zur Erinnerung an Yonhite N'Dira

Motto

Jene kleine Träne
die aus seinen Augen tropfte,
als ob es sich
um irgendeinen strömenden Fluß handelte
schweigsam und rein
über den braunen Stein
seines Gesichts
war das Zeichen des Schmerzes
den seine kindliche Wehmut
nicht zu erklären wußte
Deshalb umarmte er dich
als wenn jemand
wüßte, daß das kleine Leben
ihm entspränge
am Anfang jender dunklen Mainacht
Und schon war es zu spät
für deine Schmerzen
als seine Arme
klein und süß
schlaff wurden
In einer kindlichen Gebärde
wollte er das Leben umarmen
das ihm entfloh
in einem wehen Laut
des strengen Schweigens und der Ewigkeit.


Erster Gesang

Mit deinem Gewand
aus Licht und Dauer
kamst du auf wie ein Samenkorn
auf die Erde, die du so liebst
die Sonne strahlte
die Vögel sangen
die Dämmerung war schon die Mutter
und die Bougainvillaes blühten
trotz der Klagen


Zweiter Gesang

Alles war schwarz
als wir entschieden
den Schmerz zu fliehen
des Schattens über den Herzen.
Die Sonne klopfte auf der Kraft
unserer Hände.
Und in deinem Gesicht
wogte die gefurchte Dämmerung des Schmerzes.


Dritter Gesang

Es war nicht irgendein Tag
als das Pendel verstummte
und das Lächeln verwelkte
in der Blüte des Alters.
Es war kein beliebiger Nachmittag
jene Stunde
in der man deinen Atem
nicht mehr hörte.
Für dich
hatte der Schmerz das gleiche Gewicht des Schweigens
die gleiche Strenge der Steine
die gleiche Unentschiedenheit der Winde
die gleiche Gefühllosigkeit der toten Natur..
Alles Leuchten verlor seinen Glanz
in deinem Bett
bedeckt von Kerzen und Bougainvillaes
kein Wort
konnte uns wiederbringen
die kindliche Zärtlichkeit deiner Gesten
und deines Blickes
kein Segen des Kreuzes
konnte zurückhalten das Salz der Regen
auf den Gesichtern.


Vierter Gesang

Es gab keine Vögel
um dich zu singen
es gab keine Sterne
um die Nacht zu kleiden
es gab keine Morgenbrise
es gab keine Wogen über dem Herzen
jetzt
ist dein lebloser irdischer Körper
die einzige Schönheit
die einzige Sehnsucht
die einzige Qual.
Ich bringe dir eine blume
damit sie blüht
aber ich weiß
daß sie bald welken wird:
dein Körper
tief begraben
fühlt nicht mehr den Nektar der Poesie.


Fünfter Gesang

Plötzlich strecke ich die Hand aus
und begegne der Nacht
auf der flüssigen Seite des Gefühls
sich schlängelnd auf meinem Gesicht.
Dein verwelktes Gesicht
verlor sich am Horizont
in einer perfekten Explosion
von Schweigen und Ewigkeit.
Daß deine Gabe
vollendet sei
in dieser befremdlichen Leidenschaft der Natur.
Aber ich bekenne
daß ich den Samen mit Schmerzen sehe
bereit zum Keimen
tief in der Erde.


Sechster Gesang

Wenn der Körper, verstummt und bewegungslos,
Hinabsinkt als Ferment
um bedeckt zu werden mit Steinen und Gräsern
bis die stählernen Helden weinen
der Gesang in Tränen verströmt
die Blätter die Klage verbreiten
unter den Winden
und die Fülle der Hoffnung verwelkt!


Siebenter Gesang

Jetzt bekenne ich
meine Trauer
daß du nicht den Klageschrei gehört hast
die Träne der Vögel
den Schrei der ins Unendliche gepflanzten Hände
den Aufruhr des zerknirschten Herzens
als du hinabsankst in die Nachwelt
mit deinem Brautkleid
und mit dem Gewicht
der toten Natur.


Achter Gesang

Zwischen dem Grab und dem Leben
entdecken die Menschen
daß sie nichts verstehen
von der blühenden Natur!


Neunter Gesang

Um den Schmerz zu verbergen
und das Kächeln zu verlängern
im Verlauf eines so kurzen Lebens
müßten wir singen
die Poesie auf den Sockel der Liebe heben
ewig und umfassend
wie der Duft der Erde!


Zehnter Gesang

Du bist in die Erde gekommen
als Ferment
im Mai
Die Natur war grün
(außer dem Meer, den Steinen und den Metallen)
Schlafe!
Schlafe, kindliche Freundin
denn die Natur singt  noch und blüht!


 





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